 für das Wohl Andrer alles tun, so weit ihre Kräfte reichten.
    Sie gesteht Herrn Fr**, dass es ein Gemisch von natürlicher Großmut, und
einem, durch Erfahrung erlangten Mistrauen sei, welches sie hindere, ihm ihr
leidendes Herz zu eröfnen, und seinen Trost und Hilfe zu genießen. - Sie fühle,
dass sie dem Schicksal das Sonderbare und Einzelne ihres Charakters teuer
bezahlen müsse: es solle aber, so viel sie es verhindern könne, bei dieser
Abgabe niemand zu leiden haben, als sie. - Dieser Gedanke sei es, der die
Heiterkeit ihres Tons unterhalte, indem sie den Becher der Freuden ihrer Kinder,
Hausgenossen und Freunde, durch ein trauriges nachdenkliches Wesen nicht
verbittern wolle.
    Dann bittet sie ihn, ihr Freund zu bleiben, und versichert ihn, dass er keine
Fehler des Charakters an ihr sehen solle, als die, welche die Anfoderungen des
Eigensinns und Eigennutzens Andrer so benennen. Sie hoffe aber, die Gesinnungen,
die Gott in ihre Seele gelegt hätte, bis in ihren Tod zu behalten, weil ich
gewiss sei, dass sie in der andern Welt werde sein dürfen, was sie sei, und dort
über ihre Empfindsamkeit nicht gespottet, und ihr Eifer für moralische
Tätigkeit nicht werde getadelt werden.
    O, der edle, der glückliche Stolz dieser moralisch stark fühlenden Seele! -
Jeder Tag nähert sich dem Untergange ihrer eigenen Glückseligkeit, die sie nicht
durch Vergehen, nicht durch Missbrauch, sondern durch boshafte niedrige Ränke
einer Person verliert, in welcher sie Edelmütigkeit und Güte zu sehen glaubte.
O Mariane! mein Herz fühlt beinah noch mehr sympatetisches Leiden für diese
Frau, als bei Henrietten! Es ist auch ganz natürlich. Henriette trug eine
einfache Last. Unabhängigkeit, Gewalt, Gutes zu tun, und die Freiheit, ihren
Gram ganz zu genießen, versüsste den Kelch ihres Kummers. Die Umstände hinderten
sie nicht, davon zu reden. Sie wurde geliebt und bedauert, weil bei ihrem
Schicksal die Eigenliebe und Eigennutz der andern nichts abzugeben, nichts zu
wagen hatten. - Denn, meine Mariane, Eitelkeit und Vorteile sind die
Gränzsteine der freundschaftlichen Gesinnungen in den meisten Seelen. - Ich habe
aber ganz deutlich in den Briefen der Madame W** gesehen, dass unter den
vielfältigen Schmerzen ihrer Seele auch dieser liegt, unter dem Kreise ihrer
Bekannten lauter Personen zu sehen, die immer auf ihre Großmut, sie aber auf
keine von ihnen zählen könnte, außer dem einzigen edlen Mann, der sie liebt,
weswegen sie aber, aus feiner zärtlicher Gesinnung, gerade ihm alles verbirgt.
                                Abends zehn Uhr.
Ich schrieb Vorhergehendes Gestern; und heute früh, da kam Herr Fr** und fragte
nach seinen Briefen, und meinen Auszügen, die ich ihm zu lesen gab, -
