 jede gute Handlung mit einem Gefühl voll Seligkeit
begleitet ist, aus welchem das edle Sprichwort entsprungen sein muss: dass die
Tugend ihre eigene Belohnung in sich trage. Denn, was ist der Beifall der ganzen
Erde, gegen das innere Gefühl von Seligkeit bei einer edlen Tat? die nicht edel
genannt werden könnte, wenn ich nicht in dem nämlichen Augenblick auch hätte
niederträchtig handeln können! - O, ich kenne den Wert dieses innern Zeugnisses
so sehr, dass ich ganz ruhig dulden könnte, wenn meine übrigen Tage, ohne
äusserliches Glück, der ganzen Welt verborgen dahin flössen. Die stille Erfüllung
meiner Pflichten, die gute Verwendung meiner Tage, sind in meiner Gewalt, und in
jedem Augenblicke kann ich die große Wohltat des freien Willens genießen. Denn,
wenn auch eine fremde Macht den Gang meiner Handlungen stört: so bleibt mir doch
die Freiheit des Geistes, dessen Kräfte ich in jeder Gelegenheit nützen kann.
Der verkehrte Gebrauch, den wir meist von allen Gütern dieses Lebens machen, ist
Ursache, dass uns beinahe jede Wohltat schädlich geworden ist. Gott entzieht uns
nichts von alle dem, was uns seine Schöpfergüte von Ewigkeit zur
Erdenglückseligkeit bestimmte; es hängt von uns ab, wie wir sie verwenden
wollen. Wie überfliessend wäre das Maß Seeligkeit der Großen und Mächtigen, wenn
der freie Wille allezeit das Beste wählte!
    Ich sah, meine Freundin, dass ich mich an einen wichtigen Gegenstand wagte,
und sagte Herrn Fr**, er wäre Ursache an einer Art verwegenen Unternehmung
meiner Feder, weil mich seine Idee, über den Nachahmungsgeist der Kinder, dazu
gebracht hätte, meine Gesinnungen vom freien Willen zu schreiben. Ich gab ihm
zugleich meinen Brief, den er mit Aufmerksamkeit und Lächeln durchlas, und ihn
mir mit einem Ausdruck von Empfindung und Beifall zurückgab, und dabei sagte:
»Sie haben sich edle Merkstäbe zu dem Wege der Tugend gewählt! Wie viel
glücklicher wären die Menschen, wenn sie mehr Gefühl für die göttliche Güte
hätten! - Aber, ein anderes Frauenzimmer 1 fühlte, dass eben diese Güte den
Missbrauch des ganz freien Willens sah, und ihn deswegen mit der Eigenliebe
umwand, die uns durch Betrachtung der Folgen unserer Taten vom Bösen
zurückhalten und zum Guten ziehen sollte. Ich sagte meinen Kindern selbst auch,
ihr habt die freie Wahl, gute oder böse Kinder zu sein; aber ich lasse sie
sorgfältig die Folgen ihrer Wahl empfinden, um sie die zweite Wohltat des
Himmels, die Sorgfalt der Eigenliebe, recht gut gebrauchen zu lehren. Am
allerempfindlichsten aber schärfe ich die schmerzhaften Folgen, wenn sie ihre
Freiheit gegen das Wohl eines Bruders, einer Schwester, oder Spielgesellschaft
geübt haben, um des Nächsten Wohl zum ihrigen zu machen.«
    Finden Sie, meine Mariane, diesen
