 vom freien Willen, und höre gern die verschiedene Meinungen
davon. - Meine Mariane denkt, es sei, weil ich gern eigensinnig bin! Nicht ganz
deswegen! - Im nächsten Briefe mehr darüber, von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                               Siebzehnter Brief
Ich bin noch auf einen Tag in dem Hause des Herrn Fr**. - Vorgestern endigte ich
meinen Brief an Sie mit dem freudigen Tone, den ich allezeit habe, wenn ich eine
sonderbare Wohltat des Himmels denke.
    Sie wissen, meine Freundin, wie sehr ich an dem Gedanken von edlen
Beweggründen zu unsern Handlungen hafte, und daher die Dankbarkeit für
genossenes Gute und die Liebe gegen meinen Schöpfer, allein zu Triebfedern
meiner übenden Tugenden angenommen habe; und es freut mich, dass mein Herz
gewöhnt ist, viel eher die Größe seiner Güte, als die von seiner Allmacht zu
fühlen! Es ist mir daraus eine unerschöpfliche Quelle von unzerstörbarer
Glückseligkeit entstanden, deren Genuss kein Zufall dieses Lebens in mir
verhindern kann. Denn gewiss ist einmal, dass kein Augenblick unsers Daseins kommt
und da ist, in welchem wir nicht die Eigenschaften unsers Geistes oder unsers
Herzens gebrauchen können.
    Sie wissen, wie fein ich die Wohltat der Mannigfaltigkeit in unserer
physikalischen Welt fühle, und dass jede abgeänderte Form der Kräuter, Steine und
Gewächse, mir eine neue Empfindung von Vergnügen gibt. Auf diese Art verwende
ich auch die Begebenheiten der moralischen Welt, und schlürfe, gleichsam mit
einer Art geistiger Wollust, die verschiedene Ideen ein, die ich von
verschiedenen Personen über einen Gegenstand ihres Nachdenkens höre.
    Oft schon habe ich in Gesellschaften von dem freien Willen des Menschen auf
mancherlei Weise reden gehört, oft schon ist sein Bild von großen Männern auf
allen Seiten betrachtet und vorgestellt worden; so, dass ich weder den Sinn, noch
die Kräfte haben kann, mich auf ihre Weise über diesen Teil unserer moralischen
Welt auszudrücken; tiefes Denken und Urteilen ist ohnehin meine Sache nicht;
ich rede allein nach dem Gefühl meiner weiblichen Seele, mit meiner vertrauten
Mariane.
    Freiheit zu tun und zu lassen, ist, nach meiner Überzeugung, dass größte
Glück dieser Erde; sonst würde die liebreiche Hand unsers Schöpfers die Begierde
frei zu handeln nicht in die Seele eines jeden Menschen gepflanzt haben. Seine
göttliche Güte wollte uns dadurch die süßeste Freude des irdischen Lebens
geben. -
    Aus eigener Neigung das Gute zu tun, würden wir durch eine geheime
Obermacht dazu geführt, so wären wir gut; aber gewiss nicht so glücklich, als
durch den Gedanken der freien Wahl. Für mich ist der Standort, auf welchem ich
Gutes oder Böses wählen kann, die Annäherung des Genusses der höchsten
Glückseligkeit. -
    Sie, meine Mariane, und jede schöne Seele wird das Zeugnis geben können, dass
jeder gute Entschluss,
