 und Liebenswürdigkeit des Umgangs legen: so würden weniger
unglückliche Herzen und verkehrte Köpfe unter uns sein! Ich bin aber gewiss, dass
das Elend und die Langeweile, die man am Ende des Weges von dem Modeton
antrifft, unsere im Grund immer deutsche Seelen auf das Abweichen von dem edlen,
reinen Pfade ihrer ursprünglichen Anlage aufmerksam machen, und unsere Töchter
und Enkelinnen dahin zurück leiten wird. Vielleicht entsteht noch aus deutschem
Fürstenblute ein Beherrscher über den größten Teil unsers mütterlichen Bodens,
der von vaterländischem Geist beseelt, Sitten und Gebräuche untersuchen und
durchsieben wird; wo alles Spreuartige und Nachgeäfte verworfen, und sogar eine
eigene Kleidungsart eingeführt werden wird. Wir haben einzelne Beweise genug, zu
was für einer Höhe der Vollkommenheit des Gründlichen und Schönen der Deutsche
in Wissenschaften kommen kann. Und wenn wir, wie Franzosen und Engländer es
tun, natürliche Fähigkeiten, deren jede Nation eigentümlich ausgezeichnete
besitzt, mit Vaterlandsliebe, hauptsächlich allem Fremden vorziehend, anbauten
und zur edlen Stärke und Schönheit erhöheten: so vergrösserten wir unser eigenes
Verdienst; hätten eigene Freuden, eigenes Glück. Die Hochachtung anderer Völker
wäre Tausch gegen die unsere; und nicht, wie jetzt, unser Beifall ein Tribut,
den wir ihnen schuldig zu sein, und der ihrige ein Geschenk, so sie uns zu
machen glauben. Aber wir verzehren einen großen Teil unserer Urkräfte im
Nachahmen, und werden, wenns hoch kommt, als Lehnträger fremder Güter angesehen.
Wir verbrennen halbe deutsche Wälder, um einige schmachtende fremde Pflanzen in
unsern Glashäusern zu haben.
 
                           Drei und sechzigster Brief
                              Rosalia an Marianen.
Hier ist Madame Guden Antwort auf meine Anfrage wegen der zwo Freundinnen von
Julie Otte; und ich bitte Sie, mir ganz zu schreiben, was Sie darüber denken.
Ich fühle dass mich diese Frau so sehr eingenommen hat, dass ich alles gut, alles
richtig finde, was sie sagt und vornimmt. Sie haben dieses Vorurteil nicht, und
können also den wahren Wert ihrer Ideen viel besser bestimmen, als ich. Sie
wissen auch dass, so sehr ich die van Guden liebe, dennoch Ihr ruhiger und
gesetzter Geist alle Obermacht über meinen Glauben und Unglauben behalten hat,
und dass mir nichts wahrhaftig wert, oder verwerflich wurde, ehe Sie nicht das
Gepräge der Achtung oder Geringschätzung darauf gelegt hatten. Nun lesen Sie die
van Guden selbst.
                            Frau Guden an Rosalien.
Sie wissen doch, Rosalia, dass alle Arbeiten, die man ungern vornimmt, ganz
genaue Züge des Zwangs behalten, den man sich bei dem Gedanken und der
Ausführung auflegen musste? - so ging es mir wirklich bei der sonderbaren
Foderung, die Sie an mich taten, mich in den Platz junger Frauenzimmer zu
setzen, deren Glücksumstände geringer, als das Ehrenamt ihres Vaters sei. -
