 müsste über National. Charakter und
Verfassung reden, und zu was hilfe Dirs viel? Suche die Ursache zu erraten,
warum in Frankreich große Provinzstädte so geschwind den Gedanken der Hauptstadt
annahmen und auch ausführten. Sie fühlten, dass sie eins sind. Bei uns ist die
Zeit lange vorbei, wo wir dieses selige Gefühl hatten. Deutschland! Ach, was ist
das Schönste und Größte, wenn es in Stücke gerissen, und dann so wie es sein
konnte, wieder zusammen gelegt wird!« -
    »Aber wir ahmen doch so gern Frankreich alles nach.« -
    »In was? im Kleinen! seine Kleinigkeiten! Und, mein gutes Mädchen, das, was
groß heißt, entsteht niemals aus Nachahmung, sondern aus innerer Kraft. Sammle
alle Beispiele von edler Güte, Größe und Stärke der Seele zusammen; lege sie
einen Haufen Menschen vor, denen das Schicksal eine Gelegenheit zugemessen, sich
se zu zeigen: sie werden Deine schönen Beispiele loben und bewundern. Aber
nachahmen wird nur der, so den nämlichen Keim in seiner Seele hat. Aber sei
zufrieden; das Gleichgewicht ist da. Denn das Schlechte und Böse findet auch nur
Wenige, die einen Wettlauf nach dem höchsten Grade unternehmen.« -
    »Sie wollen mich also auf allen Seiten mit dem Mittelmässigen aussöhnen?« -
    »Das ist eine Mädchenfrage! Soll ich Dir in dem nämlichen Ton antworten?« -
    »Versuchen Sie es, Herr Oheim; ich bitte Sie.« -
    »Nun! ich habe Dir Anlass gegeben, mit Deinen Tugenden und Fehlern zufrieden
zu sein.« -
    »Da ist auch Gleichgewicht, weil die Letzten so mittelmäßig sind, als die
Erstern. Legen Sie nur immer das Übermaass in Ihre Güte für mich.« -
    Er versprachs. Was sagen Sie zu dieser Unterredung?
 
                           Zwei und sechzigster Brief
                              Von Frau von Guden.
Rosalia! auch nach dem, was Ihr so rechtschaffener Oheim Ihnen vom Wissen der
Mädchen sagte, und worin alles Nötige begriffen ist, was zum sichern Leitfaden
auf dem Wege des deutschen weiblichen Verdienstes dienen kann; auch da noch
wollen sie meine Gedanken und das geschrieben wissen, was ich von Ihnen, als
Mädchen, denke?
    Als Tochter und Richte eines Rats; in den vorteilhaften Umständen eines
hinreichenden Vermögens, und bei so viel Unabhängigkeit sind Sie, nach Geist und
Herzen, wie ich Sie verlange. Meine vertrauten Unterredungen und meine Liebe
haben Sie, hoffe ich, davon überzeugt. Ob aber auf dem Grunde Ihres jetzigen
Glücks auch die Keime Ihres künftigen Wohlstandes aufwachsen, weiß ich nicht;
weil ich ihren Kleberg nicht kenne, und mit ihm, um es freimütig zu sagen, eben
weil sie so wenig von ihm reden, und mir auch keinen
