 das Loos ihres Lebens aus weisen, wohltätigen Ursachen auf den
Weg der Arbeitsamkeit legte. Und dann will ich sie auch jeden Segen, jede Blume
der reinen Freuden der Natur bemerken lehren, die sie mitten, und am Ende ihres
Tagwerks, reichlich finden können. Meine Erziehung, meine Kenntnis der Welt,
mein Vermögen, haben mir Bedürfnisse gegeben, die mehr als alle dies erfodern,
wenn ich glücklich sein soll. Sie, Rosalia, und Andre, die unsern Kreis
durchgehen, müssen Sie nicht auch hundertfach mehr zu dem Maß Ihrer
Zufriedenheit haben, als diese Leute?« -
    Feierlichkeit, süße Sanftmut edler, zudringlicher Ernst war in dem
abwechselnden Ausdruck ihres Gesichts und Tons. Und ein Theater sollte sie
gebildet haben? Nein. Mariane, das kann nicht sein. Das Theater kann einen
schönen Geist, eine fein empfindende Seele bilden: aber ein so starkes inniges
Gefühl vom Wohl und Weh der großen Masse des Volks, das richtige, ernste Abwägen
der Ursachen und Natur des Glücks gibt allein das große Schauspiel der Welt und
die Geschichte der Menschheit. In dieser Frau ist eine eigne Seele, und in ihrem
Geschick müssen auch eigene, sonderbare Züge sein. Sie hat mir einen Auszug
ihres ganzen Lebens versprochen, und bis dahin soll ich sie weder zu gut, noch
zu übel beurteilen, auch von dem, was mir an ihr gefällt, ja gegen Niemand zu
vorteilhaft sprechen. - Und da ging sie an ihr Klavier, spielte Phantasien,
nicht stark in der Geschwindigkeit, aber nett im Ausdruck, lauter
charakteristische Gänge, Selbstgespräche, Seufzer und Einwiegen beunruhigender
Erinnerungen. Sie hat aber noch ein Talent, welches für mich viel
beneidenswürdiger ist, als ihr Gesang und Spiel. Sie zeichnet jede Idee ihres
Kopfs, jedes Bild, so in ihrem Herzen entsteht, oder vor ihr Auge kommt, den
Moment, mit der größten Leichtigkeit und einem reizenden Geschmack, auf den
nächsten Bogen Papier. So macht sie es, wenn sie in einem Buche was findet, oder
in einer Erzählung hört, das ihr als Gruppe oder Figur gefällt. Denn ich fand in
einer Reisebeschreibung, die auf ihrem Tisch lag, mehr als zehn gezeichnete
Stücke, deren Beschreibung sie damit gemerkt hatte; einsame, ländliche Gegenden,
Ruinen, ein schön liegendes Haus, Hauptpersonen einer Gesellschaft. - Ja,
während ich blätterte, verfertigte sie mein Bild, so wie ich mit etwas vorwärts
gesenktem Kopf auf das Buch sah; und ich versichre Sie, Mariane, dass es mich
sehr freuen würde, wenn ich einmal in einer entscheidenden Stunde in den Augen
meines Freundes so viel Grazie hätte, als mit Frau Guden in ihrer leichten
Zeichnung gegeben hat. -
 
                           Vier und funfzigster Brief
Frau Guden will mir alle
