 Ihr reiner, von allen
Vorurteilen freier und lichtvoller Geist, jedes Bild meines Verstands nach
seinem eigenen Wesen, aber auf allen Seiten beleuchtet, wiedersehen. - Die Güte,
Sanftmut und Wahrheit Ihrer Seele zeigt mir, was richtig, falsch, gut oder bös
ist; und so, meine Mariane, sind Sie für mein Herz und meinen Kopf Belohnung und
Warnung geworden. Dafür danke ich Ihnen auch mehr, als ich sagen kann.
    Nun! Ich habe die fremde Frau singen hören. Alles, alles müsste mich
betrügen, wenn nicht eine edle, tiefe Leidenschaft in ihrer Seele liegt. Solche
Tone gibt die Kunst allein nicht. Ihr Rezitativ ist die Rede einer wahren
gefühlvollen Seele, die das Übermaass ihrer Empfindungen in einem einsamen
Selbstgespräch ausströmen lässt. Ihre Arien sind Trost, den sie sich zuspricht,
Aussichten in bessere Zeiten, die sie sich zeigt, und dankbare Wiederholung des
genossenen Glücks. Den ganzen Tag gießt sie Freude und Wohlsein über alles, was
sie umgibt, und des Nachts, wenn diese Glücklichen ruhen, sucht sie durch den
Zauber der Musik den innern Jammer ihrer Seele zu lindern um auch schlummern zu
können, und zu neuen wohltätigen Werken Kräfte zu fassen. Dieses war, was ich
Mädchen in jeder Faser meines Herzens fühlte, als ich auf die oberste Stufe der
Stadtmauerstiege mich setzte, und stille süße Tränen des Mitfühlens weinte. -
Die rasche Frau G** lobte sie, behauptete aber mit den Männern, dass es gewiss
eine Teaterheldinn wäre. Ott hatte nichts gesprochen, aber die andern so oft
stillschweigen heißen, dass seine Julie, die alles Einnehmende ihres Spiels und
Gesangs empfand, ihrem Mann beim Zurückgehen mit Schluchzen sagte: »Lieber Ott!
versprich mir, dieser Sirene nicht öfter zuzuhören.« - Er umarmte sie,
stillschweigend; und da er auch niemals mehr von ihr sprach, so glaube ich,
Juliens Vermutung einer aufkeimenden Anhänglichkeit wag richtig gewesen sein. -
    Ich besuchte Tags darauf meine Wöchnerinn, in Hoffnung, die Fremde zu sehen.
Aber sie hatte den ganzen Tag in einem Hause zugebracht, worin zwei kranke
Kinder waren, denen sie Tod und Leiden, durch Erzählung von Engeln und
himmlischen Gespielen, zu versüßen suchte, und mit größter Zärtlichkeit jede
Erleichterung und Erquickung gab. Der Knabe von zwölf Jahren, dem sie von der
Beschäftigung der, Engel redte, und ihm die Aussicht zeigte, dass er vielleicht
zum Schutzgeist seines jüngeren Bruders bestimmt würde, hörte ihn lächelnd zu,
hob seine matten Hände gen Himmel und sagte: »O Gott, ich glaube, es, denn diese
Frau ist gewiss ein Engel, den du in unsere arme Vorstadt schicktest.« - Sie
stund von ihrem Stuhl auf, fasste seine gefalteten Händen in die
