
Lebenslicht ausblies. War es Neugier? Die Neugier ist's, wenn ich nicht irre,
von dieser Welt. Die Vernunft zeigt den Tod als was wünschenswürdiges, die
Sinnlichkeit als einen König der Schrecken. Nicht die viel denken, sondern die
viel tun, verpflichten sich mit dem Leben. Der Mensch lebt die meiste Zeit wie
das liebe Vieh, und noch öfter stirbt er so. Warum? Die Vernunft ist dem
Menschen gegeben, um Tod und Leben zu würzen und jedem von beiden seinen
Jahreszeitgeschmack beizulegen; sie besitzt die einfachen Hausmittel, die uns im
Leben und Sterben, wo nicht froh, so doch getrost zu sein lehren. Die Röte, so
sehr sie einnimmt, was ist sie? Tod oder Leben? Wer, wenn er sein Urteil über
das Leben abgeben soll, nicht hier und da eine schöne Stelle auswählt, sondern
über das Ganze urteilt, ist weise. - Was ist aber alsdann das Leben? Wenn es
köstlich gewesen ist's ein Lebensanfang. Der hat am schönsten gelebt, der am
meisten gedacht, wie er leben wollte. Jener Weise, welcher behauptete, dass Tod
und Leben eins und eben dasselbe wären, war nicht in der Lage, da man ihm den
Einwand machte: Warum stirbst du denn nicht auf der Stelle? Darum eben,
erwiderte er, weil Leben und Sterben einerlei ist. - Es stirbt sich, wenn man's
nur dazu anlegt, leichter, als es sich lebt. Lasst uns ehrlich sein; ist die Zahl
unserer Freuden nicht auf augenblickliche Intervalle eingeschränkt? Der rechten
Freuden, sag' ich. Dass wir so herzlich gern hoffen, beweist, dass an der größten
Lust nicht viel sein könne. Die Menschen wünschen sich ohne End' und Ziel, weil
der Wunsch ein Keim der Hoffnung ist. Schon der Mechanismus tröpfelt Tränen in
den Wein unserer Freuden. Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt;
seht, andere Tiere kommen eingekleidet und bedürfen des Schneiders nicht; wir
Könige von Gottes Gnaden aber müssen die Tiere bestehlen, unsere Untertanen
mit Abgaben bedrücken, um Notdürftigkeiten zu bestreiten, die schwer auf uns
liegen. Vernunft, wozu braucht sie der Mensch? Dem Tiere das Fell über die
Ohren zu ziehen und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben
abzugewinnen. Das Ziel der Vernunft ist, wenn sie einsieht, dass sie uns nicht
glücklich mache, dass wir überall damit anstossen, wie ein junger Mensch, der in
die große Welt eintritt. Je vernünftiger der Mensch ist, desto mehr zweifelt er.
Die Kinderjahre sind die schönsten, weil wir mit der Vernunft in ihren Schranken
bleiben. Gott, was ist der Mensch?
    Diese Welt ist ein Gefängnis
