. Sinne und Verstand sind Wasser und Wein. Wer hat Wein
ohne Wasser getrunken? Schon in der Traube ist Wasser.
    Jedes muss sein Maß und Gewicht haben. Die Schranken des Verstandes bringen
nicht Irrtümer hervor, sondern nur weniger Erkenntnisse. Ein engbegrenzter
Verstand irrt weniger als ein großer! Bei Gelehrten sind mehr Irrtümer, bei
gemeinen Leuten aber mehr Vorurteile. - Wenn man den Menschen bindet, so läuft
er nicht davon. - Man sagt von großen Genies, ihre Irrtümer, ihre Fehler wären
schön. - Schmeichelei!
    Ein Kleid hebt das Gesicht. Ein kleines Männchen kann so richtig gebaut
sein, als der größte; es kommt nur auf das Verhältnis unter den kleinen
Teilchen an. Irrtum, wenn ihn ein Kluger begeht, ist Taschenspielerei; es
gehört ein Auge dazu, den Trug zu entdecken, und dies Auge hat nicht jeder.
Irrtum liegt oft in Sätzen, oft in der Anwendung dieser Sätze. Ein Fehler in
Absicht der Sätze heißt wirkliche, in Absicht der Anwendung Schwachheitssünde.
    Erst buchstabiren, dann lesen, sagten unsere lieben Alten. - Erst ein
Urteil über Bausch und Bogen, dann ein richtiges. Erst der Läufer, dann der
Herr. Wer in seinen vorläufigen Urteilen das rechte trifft, heißt: ein
Glückskind, oder sollte es eher heißen, als der, in dessen Familie viele alte
Tanten sind. Es wäre wohl wert, ein Buchstabirbuch in diesem Verstande, in
diesem Sinn, herauszugeben, und über die vorläufigen Urteile eine Anleitung zu
erteilen. Die Franzosen sind vorläufige Urteiler. - Der erste Gedanke ist oft
der beste, und in Wahrheit, es gibt vorläufige Urteile, die wert sind in
Rahmen gefasst zu werden.
    Vorurteile sind Urteile aus der bloßen Sinnlichkeit, die man für Urteile
aus dem Verstande hält. Die Sinnlichkeit läuft dem Verstande vor. Den Grund, den
wir haben, von einer Sache zu urteilen, der aber nicht aus den Gesetzen des
Verstandes genommen ist, heißt ein Vorurteil. Die Eltern haben Vorliebe zu
ihren Kindern, hieraus entsteht eine Vorsprache, welches die Redekunst des
Vorurteils ist.
    Ein Vorurteil ist eine Lüge, nur dass sie nicht immer vom Vater, dem Teufel,
ist.
    Große Köpfe stiften viel Gutes, allein auch wahrlich viel Unheil, denn sie
werden verehrt, und niemand untersteht sich, weiter zu gehen. Sie sind ein Wall,
den kein Remus zu ersteigen sich unterfängt. Jeder Mensch hat seinen Hang, seine
Meinungen andern mitzuteilen, und der Gelehrteste ist nicht gleichgültig gegen
das Urteil seiner Wäscherin und seines Ofenheizers. Die Methode ist dogmatisch
über apodiktische Wahrheiten, und dies ist die Methode der Unterweisung und
Behauptung. Die Methode ist aber skeptisch, polemisch, wo man erst untersucht,
ob etwas apodiktisch heißen
