
    Es gibt Naturphilosophie und Kunstphilosophie. Leben! Leben! Leben! und
Schulweisheit. Philosophie, die bloß weiß, und Philosophie, die weiß und tut,
gelehrten Wust und Weisheit. Aristoteles war ein Künstler, Epikur, Diogenes (mit
Fleiß zusammen) waren Naturalisten und Sokrates desgleichen. - Die künstliche
wird ganz und gar gelehrt, bei der natürlichen ist nur eine gewisse Methode, die
gezeigt wird. Das Fass des Diogenes, der Brei des Epikur, wie verehrungswert! -
Die Fenster im Auditorio, wo natürliche Weisheit gelehrt wird, gehen all' ins
gemeine Leben. - Die natürliche lehrt die Zeit gebrauchen, die künstliche sie
vertreiben. Die Naturphilosophie ist fliessend Wasser, Springwasser, die
künstliche ist Wasser, welches steht. Die Kunstphilosophie treibt
Kommissionshandel, die Naturphilosophie hat bloß eigenes Product. Das Leben der
Naturphilosophie ist eine Kopia vidimata ihrer Grundsätze, und zu ihren Angaben
ein solch erklärender nachhelfender Beleg, dass ohne Beilage sub Vide ihre ganze
Lehre wie gar nichts ist. Wohl dem, der von diesem Wasser des Lebens getrunken
hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphilosophie zum Grunde, die nicht
gleichgültig, sondern gleichmütig macht. - Ist wohl ein passenderes Motto zur
künstlichen Philosophie, als »die Herren werden doch wohl Spaß verstehen?« Will
man ein Emblem, so ist's ein optischer Kasten.
    Vom natürlichen Philosophen sagt man, er philosophirt. Ein künstlicher
Philosoph hat Philosophie. Er hat sie für Geld und gute Worte zum Verkauf und
zur Pacht. - Man muss es bei der Philosophie nicht anlegen, ein Buch, den
beliebten Autor, sondern die Sache zu verstehen. Man will sich vorzüglich selbst
verstehen und das Buch Gottes, die Welt - Diese Philosophie kann nicht auswendig
gelernt werden; es ist was Inwendiges, ein Philosoph zu sein. Denken und leben
heißt: philosophiren. Wenn man die Wissenschaften in die der Gelehrteit und die
der Einsicht einteilt, so würd' ich die künstliche Philosophie zur Gelehrteit
rechnen, und so wie man z.B. von einem Historikus sagen kann: er sei ein
Gelahrter, er habe viel gelernt, so auch von einem Kunstphilosophen. Die
natürliche Philosophie besteht nicht in Nachricht, sondern in Einsicht. Man kann
nicht vom natürlichen Philosophen sagen: er habe viel gelernt, allein er kann
viel lehren. Alle Vernunfterkenntniss aus Begriffen gehört zwar zur Philosophie,
allein der Philosoph ist eigentlich ein Führer der Vernunft, und bringt den
Menschen an Ort und Stelle. Der Mensch ist nicht bei sich, heißt oder sollte
heißen: er habe diesen eigentlichen philosophischen Weg verfehlt. Die Bestimmung
des Menschen, und die Mittel, dahin zu gelangen, das ist das Ziel, wo alle
philosophische Erkenntnis zusammentrifft. Es ist die Probe der
