 Herr Jachnis und seine
Untergebenen ließ keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache vorüber, wo
nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im
Schweiße ihres Angesichts herrlich nach lettischer Art bewirtet wurden,
bewiesen sie, dass sie poetischen Geistes Kinder wären. Meine Mutter fand, dem
Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser poetischen Blumenlese, die ihr zugeeignet
wurde, beständig etwas zu rügen, und wenn's auch nur das I und U gewesen wäre,
welches die Nothelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.
    Es sind viele, welche behaupten, die Letten hätten noch Spuren von
Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: »Das Genie der
Sprache, das Genie der Nation ist ein Schäfergenie. Wenn sie gekrönt werden
sollen, ist's ein Heu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich
glaube, Helden gehören in Norden zu Hause, wo man härter ist und fast täglich
wider das Klima kämpfen muss: die Letten könnten also hierzu Anlage haben, wo ist
aber ein Zug davon? - Würden sie wohl sein und bleiben, was sie sind, wenn nur
wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen wäre? In Kurland ist
Freiheit und Sklaverei zu Hause.«
    Mein Vater war eben kein großer lettischer Sprachkünstler; wer aber eine
Sprache in ihrer ganzen Länge und Breite versteht, kann über alle Recht
sprechen. Er versicherte, nie Fußstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben,
wohl aber Beweise, dass schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hätten: und wo
ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine
Garbe zärtlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Übersetzung besitze, die
ich vielleicht mitteilen kann, und wodurch dem undeutschen Opitz des Herrn
Pastors Johann Wischmann kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese Garbe
in Händen hätte, würde ich doch vom Urteil meines Vaters, der kein Curländer
war, die Appellation einzulegen anraten. In diesen Liederchen herrscht
bäuerisch-zärtliche Natur und etwas dem Volke eigenes. Die Übersetzung ist noch
meines Vaters Manier.
    Weil wir bei den Sprachen sind, muss ich noch bemerken, dass mein Vater nur
blutwenig hebräisch, arabisch und chaldäisch u.s.w. aber gar nicht wusste. Er
hatte sich wegen des Hebräischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er
so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der
zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Kurland erlitten, zog ein
sehr geschickter Konversus (jüdischer Christ oder getaufter Jude) unsere Straße,
und dieser brachte meinem Vater das Jüdisch-deutsche in wenigen Stunden bei. Er
hatte den Einfall, auf diese Art an einen
