 Liebe könnt' ich
schon zur Not mitreden. Nun sind wir für mich an Ort und Stelle. Ich bin
Ehemann und Freund, beides wie es sich eignet und gebühret.
PASTOR. Die Liebe ist Natur, die Freundschaft Kunst. Nase und Augen sind Natur,
Stirn und Mund, und Hand und Fuß sind zu Kunst geworden. Gott hat den Menschen
aufrichtig gemacht; allein er sucht viele Künste. Wir sehen einem Menschen, den
wir wollen, ins Gesicht, vorzüglich in die Augen. Seine Affekte liegen auch im
Naturteil, und rings herum. Wer sich sehr verstellen kann, treibt sie nach
unten, und immer zugleich in Hand und Fuß. Fuß und Hand sind wie Mann und Weib
ein Leib; Fuß der Mann, Hand das Weib. Das Gesicht ist das Bild und die
Überschrift der Seele. Um den Mund herum liegt die Mienensprache, zu fordern
und abzuschlagen, um die Augen herum, zu bejahen und zu verneinen. Dies ist die
verehrungswürdigste Sprache, die alle Welt versteht, die auch ein guter Teil
Tiere fasst. Mein Gott! Warum lernt man sie nicht mehr?
HERR v. G. Sie würd' uns das Herz abstossen. Das ABC, was wir haben, ist schon so
herzbrechend.
PASTOR. Es würde aber viele Kunst dazu gehören, um diese Natur auszuspähen. Ihre
Probe wäre, dass sie von aller Welt gleich verstanden würde.
HERR v. G. So hat sie ja eine gleiche Probe mit dem Guten, nicht wahr? Da muss
auch das Urteil allgemein sein? beim Schönen nicht. Was die Sonne am Himmel,
das ist das Auge dem Menschen; indessen hab' ich gefunden, dass die Größe nicht
immer gleich ist; ich selbst hab's bald groß, bald klein - oft Augenfinsterniss.
PASTOR. Wenn die Augenlider weiter aufgetan sind als gewöhnlich, ist der Mensch
heiter - froh. Wenn er einen großen Gedanken fasst, sind die Augen nur halb
offen, zum Zeichen, dass dieser Gedanke von innen komme, und dass man ihn da gern
sehen möchte, wenn's möglich wäre.
HERR v. G. Aber wieder was von der Liebe, Pastor, mir zur Ehre, denn da habe ich
Sitz und Stimme. Was ist hübsch?
PASTOR. Was ohne Reiz gefällt. Viele Mädchen haben Reize, die nicht hübsch sind
- bei einem hübschen Mädchen ersetzt die Natur, die Geschlechterneigung, das
Fehlende. Reiz gehört zur Liebe. Rührung zur Furcht, zur Achtung.
HERR v. G. Ich glaube, das andere Geschlecht ist nie so hässlich als das unsrige:
wer die Hässlichkeit nicht verzeichnen will, muss eine Mannsperson wählen, und
doch flieht alles ein altes Weib.
