 euch vermutlich den Meineid ersparen; aber, aber ...
Neid und Vorzugssucht sind die zween allgemeinen Hauptzüge aller menschlichen
Charaktere; so viel ich ihrer aus der Geschichte, aus der Erzählung, aus dem
Umgange kenne - alle, alle hatten stärkre oder schwächre Schattirungen davon;
oft waren sie freilich mit den übrigen Farben des charakters so verschmelzt, dass
ein feines Auge dazu gehörte, sie zu erkennen: aber vorhanden waren sie. Wenn
die menschliche Tätigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so
ist allgemeiner Krieg in jedem Verstande eine unvermeidliche Folge: jeder will
über den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er über ihn ist, es sei,
worin es wolle: dies ist ein unläugbares Faktum seit der ersten Existenz der
Menschen: allzeit bricht dies freilich nicht in hellen flammenden Krieg aus,
weil tausend andre Rücksichten, ganz unzähliche Neigungen und Rücksichten jenem
Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre fürchterlichen
Überströmungen hindern. Oft reißt aber der Strom nicht den Damm durch, sondern
gräbt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergießt sich
durch, und Niemand weis es, als bis er die Überschwemmung fühlt. Von diesen
beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkömmlinge oder
Masken: die Eigenliebe ist die Mutter - oder wenn ich hier in Bilidulgerid unter
einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich
sie euch mitteilen. - Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen
Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses
Lebens hindurchzuführen: jene sollte seine Tätigkeit anspornen, ihm den
nötigen Stoß geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen,
dieses ihm Einhalt tun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner
Geschöpfe im Wege stünde, dass er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriss:
jene sollte überhaupt ihn antreiben, dieses zurückhalten, jene tätig, wirksam,
dieses gerecht, gütig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen
entsprungen aus dem Kopfe der ersteren zwei Kinder - Neid und Vorzugssucht, die
das Amt der Mutter übernahmen und von nun an die Führerinnen der Menschen
wurden. Sie entzündeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte,
verdrängten die Gefährtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschäfte und
machten die Menschen zu grimmigen grausamen Tigern, worunter der Stärkre den
Schwächern fühllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne
Mitleid aus seiner Verweisung zurück und suchte es zu seiner Würde wieder zu
erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie
blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und ließ es auf einen Kampf
ankommen, wer von den beiden Parteien der einzige oberste Herrscher, und wem
die andre unterworfen sein sollte: der Kampf
