 Kleid; sein Loos befremdet ihn nicht, weil er auf kein andres
Anspruch machen kann: allein wo der Bürger eines Staats den mächtigen Gedanken
der Freiheit im Kopfe hat, da ist es ihm unendlich schwer, etwas zu dulden, das
nicht mit ihr besteht. Unter dem despotischen Himmel tötet man mit Einem Hiebe,
unter vielen andern quält man mit hunderttausend Stichen langsam zu Tode: denn
alle kann man nicht verbrennen, wie meinen Bruder. -
    O, seufzte Belphegor, welch Untier ist der Mensch! Immer ein Unterdrücker,
hier des Eigentums, dort des Menschenverstandes, hier des Rechtschaffnen, dort
des Armen! -
    Ja, fasste Medardus die Rede auf, dass die Menschen doch so einfältige
Kreaturen sind! In Ruhe und Friede könnten sie bei einander sitzen, ein Glas
Apfelwein trinken und sich einander ihr Leben erzählen: aber nein! da schlagen,
schmeissen, balgen sie sich, wie das liebe Vieh; und noch ärger machen sies: denn
die Tiere verschlingen sich doch nur aus Hunger, aber die Menschen, wenn sie
der Hunger nicht dazu zwingt, suchen ein Sylbchen, ein Wörtchen, und verbrennen,
hängen, köpfen und sengen sich darüber. -
    Ja, leider, sprach die Dame, sonst wäre mein ältester Bruder nicht aus dem
Schoss des Vaterlandes, seiner Güter, seiner Familie vertrieben worden, weil er
ein heimlicher Hugenott war. Ein Elender, dem er einen kleinen Dienst versagt
hatte, weil er ihn desselben unwürdig hielt, gab ihn an; er musste, um sich nicht
der Verfolgung preis zu geben, mit Schiffbruch sein Vermögen retten und den Weg
wandern, den viele tausend seiner Brüder gegangen sind, in Länder, wo Vernunft
und Freiheit herrschen, und vernünftig denken und wahr denken eins ist: noch
glücklich, dass er nicht zu jenen Zeiten der höchsten Unmenschlichkeit lebte, wo
Frankreich seine Felder mit dem Blute seiner Einwohner düngen wollte! - O du
schändlichster verderblichster unter allen Despotismen! Despotismus des
Aberglaubens, der Scheinheiligkeit, der Habsucht im schwarzen Mantel, der
heiligen Dummheit, der Vorurteile! verheere nicht länger mein Vaterland, dessen
milder Himmel nur Menschlichkeit und gesunde Vernunft einflößen sollte! verheere
kein Land dieser Erde mehr! und die ihr es vermögt, tilgt, sengt, schneidet,
würgt, reutet ihn von der Wurzel aus, wo ihr ihn findet, wenn ihr euch und euer
Volk liebt!
    Belphegor, der nur ein Fünkchen brauchte, um in die Flamme der Begeisterung
aufzulodern, fiel auf seine Kniee und rief mit entzückter Stimme: O du
göttliches Geschenk! Freiheit zu denken, Freiheit zu reden! komm auf alle Länder
herab, die der Glückseligkeit einer allgemeinern Erleuchtung immer näher rücken!
Komm! würge den schändlichsten Götzen, den Aberglauben,
