 das System der Vorsehung für sie ein unendlich wohltätiges und
vorzügliches System, und die Menschen desto glücklicher sein, je ausgebreiteter
es wird: und doch besizt es nur der kleinste Teil der Menschheit.
    MEDARD. Ganz Europa besitzt es ja.
    FROM. Dem Namen nach! Der größte Haufen, Gelehrte und Ungelehrte, möchte ich
behaupten, hat im Munde und in der Imagination die Vorsehung und im Verstande
das Fatum: prüfe sie, und du wirst finden, dass die Vorsehung der meisten ein
personificirtes, mit etlichen glänzenden Eigenschaften der Vorsehung
ausgeschmücktes Fatum ist. Von Europa fällt also ein großer Teil wahre Anhänger
dieses Systems hinweg; und welche Menge in den übrigen Weltteilen, die
insgesamt bei der ersten einzig gewissen evidenten Beobachtung stehen geblieben
sind, dem Grunde, von welchem alle unsre Erklärungen und Vorstellungsarten
entstanden sind, und in welchen sie sich alle auflösen lassen, nämlich: dass ein
festgeketteter unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Welt
ist. Frage den Neger, den Indianer, den Kalmucken! und wenn er seine dunkle
Empfindung hiervon auszudrücken weis, so wird er dir diese Idee geben; und doch,
obgleich das Fatum der herrschende Glaube von mehr als der halben Menschheit
ist, streitet der Türke mit der Kühnheit eines Löwen, und jedermann glaubt, er
habe seinen Mut seinem Glauben an das unausweichbare Schicksal zu verdanken.
Das System der Vorsehung scheint mehr die Stärke zum Dulden als zum Handeln zu
geben; und, Freund, du wirst herrlichen Trost von ihm empfangen haben?
    MEDARD. Herrlichen Trost? Wer weis wozu mir das gut ist? - so dachte ich bei
dem fürchterlichsten Sturme des Unglücks, und ich konnte getrost hindurch gehen.
    BELPH. Glückliche Illusion! Wie wohl wäre mir gewesen, wenn sie mein Unmut
nicht aus meiner Seele getrieben hätte: aber mein Unglück war zu ungestüm;
    eine eiserne Seele hätte es kaum tragen können: und wenn ich gleich alle
Fittige meiner Einbildungskraft ausgespannt hätte, um mich zu überreden, dass
alles zu etwas gut sei, wie hätte ichs vermocht? - Wozu konnte es gut sein, dass
die Natur die Menschen so anlegte, dass sie in dem allgemeinen Handgemenge auch
meinen Scheitel so oft verwundeten? Wozu konnte das gut sein? -
    FROMAL fiel ihm ins Wort: Du hast erfahren, Belphegor, dass die Menschen
nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben:
keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen wohl zu tun glühn, die in Ruhe
und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen,
und heiter, froh, zufrieden den munteren Tanz des Lebens dahinhüpfen: Du hast sie
gefunden, wie ich dir verkündigte - eine Heerde Raubtiere, die Eigennutz,
Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet,
