 genug behalten, über die Welt
mit so vieler Kaltblütigkeit zu räsonniren, als jener mit Wärme deklamirt: der
Kontrast zwischen den Begriffen, die ihm die gegenwärtige Erfahrung aufdringt,
und den Vorstellungen, die er ehmals hatte, muss ihn nötigen, einen Ausweg zu
suchen; sein gutes Herz lässt ihn die vielfältigen Unordnungen, Grausamkeiten und
Verwirrungen keiner wollenden Vorsicht zuschreiben, er geht einer Ursache nach,
und sein Räsonnement führt ihn auf die Notwendigkeit des Schicksals, welcher er
alle Unordnungen aufbürdet, und er kann nach seinem Temperamente Beruhigung
darin finden: - Dieses ist FROMAL in der folgenden Geschichte.
    Endlich setze man ein leichtes Blut, munter dahingleitende Lebensgeister,
ein fröliches lebhaftes Gemüt, einen Kopf ohne weiten überschauenden Blick,
einen Verstand, der wenig räsonnirt, ein Herz, das gern glücklich sein will und
darum den Verstand desto leichter überredet, alles geradezu oder auf leichte
Gründe zu glauben, was zur Ruhe und Zufriedenheit führt, und deswegen leicht
über die Unvollkommenheiten der Menschheit hinzuschlüpfen, mit einer guten Dosis
ehrlicher Treuherzigkeit zusammen; und so hat man den guten MEDARDUS, der einen
herzhaften Puff von der Widerwärtigkeit geduldig erträgt, und fest glaubt, dass
es ihm irgend wozu nüzlich sein könne, nur damit der Unmut darüber seine
Heiterkeit nicht doppelt unterbreche. -
    Nach des Verfassers Theorie sind Neid und Vorzugssucht die zu allen Zeiten,
an allen Orten, in allen Ständen der Menschheit und Gesellschaft, bei allen
Charakteren allgemeinsten Triebfedern der menschlichen Natur und die
Urheberinnen alles Guten und Bösen auf unserm Erdballe; er stellte also in dem
Leben jener drei Personen ein Gemälde der Welt auf, in welchem Neid und
Unterdrückung die Hauptzüge sind, wie sie ihm die Geschichte der Menschen und
Völker darbot.
    Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als
vortrefflich geschildert: aber entweder betrogen sie sich selbst, oder wollten
sie die Leser betriegen; entweder kannten sie den Menschen nicht genug, nur von
einer Seite, oder wollten sie die Leser bestechen und sie überreden, dass sie die
Züge ihres Gemähldes von ihrem eignen Herzen kopirt hätten. Der Verfasser glaubt
wenigstens kein schlechter Herz empfangen zu haben, als diese Herren, wenn es
auch nicht besser ist, und ohne die Welt und den Menschen mehr oder weniger
kennen zu wollen, als sie, sagt er, was jeder Schriftsteller einzig sagen kann -
was ihm scheint, nichts als das Resultat seiner Beobachtungen.
    Nicht eigne Widerwärtigkeiten - denn der Pfad seines Lebens ist bisher mehr
eben als holpricht gewesen - nicht Hypochonder oder Milzsucht - denn er war
jederzeit Freund der Freude und Feind des Trübsinns - nicht Mangel an wahren
Freunden - denn er besizt deren eine kleine Anzahl und hat auf seinen Wegen
immerhin Menschen mit guten liebreichen Herzen gefunden - keine von diesen
Widrigkeiten hat auf
