 Seele, und stärkte sich zu ähnlichen Gesinnungen und Taten. Bei ihrer
stillen Tugend, bei ihrer menschlichen Zärtlichkeit flossen seine Tränen; aber
alle, die nur Helden, oder Menschenwürger, und Unterdrücker eines freigebohrnen
Volkes waren, hasste und verabscheute er. So die Schriftsteller zu lesen, und
sich durch die Geschichte menschlicher zu bilden, hatte ihn P. Philipp gelehrt,
dem kein Zug im Charakter eines Menschen entgieng, der das Herz erhöhen und
veredeln konnte. Die Religion ward ihm von P. Johann auch vernünftiger und
einwürkender beigebracht, als gewöhnlich. Da der brave Mann, bei seinen vielen
Unglücksfällen, und bei seinem schwachen Körper aus der Erfahrung gelernt hatte,
wie wenig Streitigkeiten, und künstliche Bestimmungen und Einschränkungen von
Dingen, die uns unerklärlich sind, und oft sein sollen, zur Beruhigung des
Herzens und zum Trost im Elend beitragen, so flößte er seinen Schülern nur den
Geist und Saft der Religion ein, das heißt: die Lehren Jesu und seiner Apostel,
die alle, sowohl für unser eigen Herz, als auch für andre Menschen wohltätig
sind, und deren Kentnis und Ausübung uns allein in der letzten Stunde trösten
kann. Er suchte seine Schüler durch die Religion mehr zu weisen und tugendhaften
Menschen, als zu großen Gelehrten zu bilden. Auch in der Geographie und
Messkunst sah sich unser Siegwart um, und saß oft die halbe Nacht durch bei den
Büchern, so, dass er sich in kurzer Zeit nicht gemeine Kenntnisse erwarb. Nur in
P. Hyacints Stunden ging er ungern, weil dieser mürrische Mann, mit der
polternden Stimme, nur aufs Phrasesmachen drang, und immer mit aufgehobnem Stock
vor den Schülern stand.
    Da es uns bei Siegwart mehr um die Geschichte seines Herzens, als seines
Verstandes, und seiner gelehrten Kenntnisse zu tun ist, so werden wir von dem
letztern wenig, und nur da reden, wo es würklichen Einfluss auf seine künftigen
Schicksale, oder auf seinen Charakter hatte. Also kehren wir in den Anfang
seines Aufenthaltes bei den Piaristen zurück.
    Nach dem Examen wurden ihm die Gesetze, sowohl der Schule überhaupt, als
auch besonders seiner Klasse vorgelesen, und er musste dem P. Johann mit einem
Handgelübd versprechen, sie getreulich zu beobachten. Unter andern war durch ein
Gesetz verboten, auf dem Schulgebäude, und auch außerhalb demselben Taback zu
rauchen, oder um Geld zu spielen. Er erschrack, als er dieses lesen hörte, weil
ihm sogleich der gestrige Tag einfiel. Den Abend drauf wollte Kreutzner wieder
spielen. Er schlugs ihm rund ab, und schützte das Verbot vor, das ihm erst
heute, in seiner Gegenwart, vorgelesen worden sei. Kreutzner lachte, gab ihm
Einfalt schuld, und sagte: Wer sich danach richten wollte, müsste ein
