 tief ein, und rufe sie täglich in dein Gedächtnis zurück! Wenn du sie
gleich jetzt noch nicht ganz in ihrer Stärke fühlst, und vielleicht noch nicht
völlig verstehst, so wirst du doch, wenn Zeit und Erfahrung kommt, sie fassen,
und ihren Wert recht schätzen lernen. In der Ordnung konnt ich sie nicht
niederschreiben, ich hatte zu wenig Zeit dazu, und mein Kopf wird nach und nach
durchs Alter schwach. - Wer weiß, mein Sohn, ob wir uns in diesem Leben
wiedersehen? Vielleicht triffst du, wenn du wieder hier ins Kloster kommst, mein
Grab an. Denk dann an deinen alten redlichen Freund, wenn du hier allein im
Garten gehst; ruf dir seine Lehren zurück, und befolg sie! Dadurch ehrt man das
Andenken an seine Verstorbenen am besten. Werde nicht zu wehmütig, mein Sohn!
Im Himmel sehen wir uns wieder, und vielleicht noch einmal, wenn es Gottes Will
ist, hier im Kloster. Der Gedanke an den Tod hat für mich viel süßes. Mach ihn
dir zum Freund, und du hast nichts auf der Welt zu fürchten!
    Lass uns hier auf diesem Rasen sitzen! Er ist schatticht, und das Gehen wird
mir zu beschwerlich. Wenn dirs recht ist, so les' ich dir meine Anmerkungen vor.
Er zog sie aus dem Gürtel, und las:
    I. Mach dir den Gedanken von der göttlichen Allgegenwart recht lebhaft und
stets gegenwärtig! Er bewahrt vor jeder schlechten Handlung und vor schändlichen
Gedanken, die die Mutter einer bösen Handlung sind. Wer sich schämt, vor
Menschen schlecht zu handeln, wird sich noch mehr vor dem heiligsten und
reinsten Wesen schämen, das zugleich unsre Taten richtet. Der Gedanke von der
göttlichen Allgegenwart erhebt das Herz, und treibt es zu großen Taten an. Der
gegenwärtige Gott wird dich belohnen, wenn auch Menschen deine Tat nicht sehen.
Er wird dich beschützen, wenn dir Menschen schaden wollen; und dich stärken,
wenn du sinken willst. Schon unsre Vorfahren, die doch Heiden waren, hatten
diesen großen, herrlichen Gedanken. Sie glaubten, ihre Gottheit, die sie Wodan
nannten, fülle den Hain, den sie bewohnten und jeden Ort aus, wo sie lebten.
Daher man ihnen jeder Ort ein Heiligtum, jeder Wald ein Tempel; daher übten sie
mehr Tugend aus, als die meisten andern Völker, und enteiligten sich weit
weniger durch Brudermord, Diebstal, Ehebruch oder andre Schandtaten.
    II. Mach dich am Ersten mit dir selbst bekannt, mein Sohn! Dies ist eine
alte Regel, aber selten wird sie recht befolgt. Gib auf alle Bewegungen und
Veränderungen deiner Seele acht! Forsch ihren Ursachen nach, ob sie edel sind,
oder nicht? Ost
