 bei ihm die Nacht über zu
wachen. - Er war jetzt etwas muntrer. Diesen Abend, sagte er, hatt ich einen
harten Kampf. Ich bekam eine Art von Fieber, und die schrecklichsten Phantasien
ängstigten mich wohl eine Stunde lang. Jetzt ist mirs ganz leicht. Setzen sie
sich zu mir her, ans Bette! Siegwart tats.
    Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Haben Sie sie heut gesehen? Hat sie
gesungen? - Gesehen hab ich sie, antwortete Siegwart; aber gesungen hat sie
nicht. Sie erkundigte sich bei mir nach Ihnen. - Hat sie das? rief Gutfried
hastig, und richtete sich im Bett auf. O der Engel! Ich muss sie anbeten, ob ich
gleich gewiss weis, dass sie ewig nicht die meine wird. - Er legte sich langsam
wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu
verdanken! Ich war ein liederlicher Kerl, eh ich sie habe kennen lernen. Gott
vergeb es mir! Ich ward verführt. Als ich hieher kam, wust ich noch gar nichts
von der Welt. Sechs Jahre hatt ich in einem Jesuiterkloster gesteckt; musste da
die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht,
beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, sah ich sie selber mit den Füßen
treten. Wie ein Sklave war ich eingeschränkt, und durste keinen Schritt tun,
ohne Vorwissen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, so
hielt ich alles, was ich sah, für wünschenswürdig, und schmachtete in meinem
Käficht wieder desto mehr danach. Als ich nun hier ankam, und der Freiheit ganz
genoss, nach der ich mich so längst gesehnt hatte, da glaubt ich, um mich
schadlos zu halten, und das Versäumte wieder einzuholen, muss' ich nun der
Freiheit ganz genießen, und alles mitmachen. Freiheit und Ausgelassenheit hielt
ich für einerlei. Alles, was ich sah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel
drauf hin, wie ein Geier auf den Raub, und glaubte mich nie sättigen zu können.
Sie wissen, wozu der närrische Begriff von Universitätsfreiheit verleitet. Zu
allem Unglück waren damals hier die allerschändlichsten Gesellschaften, in denen
Gewissen und Vernunft durch Zoten und Unflätereien übertäubt, und durch
unmässiges Saufen geschwächt, oder gar getötet wurden. Da ging ein jeder hin,
und tat, was ihm gefiel. Mein Trost ist noch, dass ich niemals Freundesblut
vergossen, und nie eine Unschuld verführt habe. Davor hat mich Gottes Gnade noch
bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuschreiben. Ich wär bei meinem tollen, heftigen
Temperament, und bei meinen Grundsätzen zu allem fähig gewesen. Zweimal ward
