
großen Haufens zu Gefallen eine unrechtverstandene Popularität zu affektieren.
    Sebaldus: Ich finde, dass Sie vollkommen recht haben. Ich kenne keinen höheren
Nutzen der Wissenschaften als die Erleuchtung des menschlichen Geschlechts. Aber
hiezu haben gewiss vortreffliche deutsche Schriftsteller auch das Ihrige
beigetragen; ich darf nur aus dem Fache, das ich kenne, Sie an die würdigen
Gottesgelehrten unsers Vaterlandes erinnern, die sich mit glücklichem Erfolge
bemühten, Dogmatik, Exegese und Polemik nach dem Nutzen und dem Schaden, den sie
dem menschlichen Geschlechte bringen können, zu betrachten.
    Hieronymus: Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich von keinem Gottesgelehrten
urteilen will. Ich verehre die großen Schriftsteller aller Art, welche Geist
genug haben, mehrere Wissenschaften zugleich zu überschauen, und die, von
philosophischen und menschenfreundlichen Absichten belebt, das wahre Verhältnis
einer jeden zur allgemeinen Erkenntnis zu bestimmen suchen. Deutschland hat
deren einige, sie sind vortrefflich, aber in sehr geringer Anzahl. Die meisten
deutschen Schriftsteller, voll pedantischen Stolzes, pflegen gewöhnlich den Teil
der Wissenschaften für den wichtigsten auszugeben, den sie kennen oder lehren,
er mag nun klein, unbeträchtlich, ja wohl gar schädlich sein; und ihnen deucht,
um zu meinem vorigen Gleichnisse zurückzukommen, der kleine Haufen, woran sie
sammeln und wo sie Stein über Stein aufstapeln und herzählen, sei wichtiger und
nützlicher als das größte Gebäude, worin Menschen wohnen.
    Sebaldus: Mein Freund, Sie sind wirklich ungerecht gegen die deutschen
Gelehrten, und, nehmen Sie es mir nicht übel, fast muss ich glauben, dies komme
von Ihrer ungelehrten Erziehung her. Sie selbst haben die Tiefen der
Gelehrsamkeit nicht erforschet und wissen also auch nicht, wie ein wahrer
Gelehrter eigentlich beschaffen ist. Ein Gelehrter sieht alle Gegenstände der
menschlichen Erkenntnis in einem weit hellern Lichte als ein Ungelehrter und
kann daher von ihrem Werte und Unwerte besser urteilen; er wird nie die
Wissenschaft, in der er arbeitet, höher achten, als sie es wert ist, oder
deshalb die andern Wissenschaften, wenn sie wichtiger sind, vernachlässigen. Die
Wissenschaften, mein lieber Herr Hieronymus, sind durch ein allgemeines Band
verbunden, und wer bloß die seinige schätzen wollte und die anderen nicht, würde
so töricht handeln, dass sich dies von keinem echten Gelehrten vermuten lässt.
Lernen Sie die Gelehrten besser kennen und urteilen Sie nicht zu geschwind
darüber.
    Hieronymus: Haben Sie den Messkatalog von dieser Messe schon gelesen?
    Sebaldus: Wie kommen Sie darauf? Nein, noch nicht.
    Hieronymus: Wir wollen versuchen, daraus die Beschaffenheit der neuen
deutschen Bücher zu beurteilen. Lassen Sie uns einmal zusammenrechnen, wieviel
Bücher über jede Art der Wissenschaften herausgekommen sind, und hernach darüber
Betrachtungen anstellen.
    Sebaldus: Sehr gern. Dies wird Sie am besten widerlegen. Wahre Gelehrte
