 voller Lücken ist, und mutet ihm wohl gar zu, das
Gebäude abzureissen, um einen neuen ganz dichten Grund zu legen, worauf ein so
zusammenhangendes Gebäude zu bauen sei, dass darin gar keine Lücken wären. Man
bedenkt nicht, dass weise Baumeister in jedem Gebäude Lücken lassen müssen, damit
Licht hineinfalle und Menschen hineingehen können, wogegen in einen dichten
Haufen weder Licht noch Wärme dringen und keine menschliche Kreatur zur Wohnung
einkehren kann. Unsere deutschen Gelehrten sind sehr bemüht, jede Wissenschaft
für sich in ein dichtes oder dunkles Lehrgebäude zu ordnen; aber fast keiner
denkt daran, eine jede Wissenschaft auf die übrigen und sie alle zum Besten der
menschlichen Gesellschaft anzuwenden.
    Sebaldus: Aber ich wiederhole noch einmal, die Wissenschaften würden seicht
werden, wenn man nicht fortführe, ihre Theorien zu untersuchen. Wohin soll es
endlich mit ihnen kommen, wenn man bloß das, was davon dem gemeinen Haufen
fasslich ist, bearbeiten will?
    Hieronymus: Und wohin soll es endlich mit der Beförderung der Entwickelung
aller Kräfte des Geistes, mit der Erleuchtung des ganzen menschlichen
Geschlechts kommen, die der vorzüglichste Zweck der Wissenschaften ist, wenn die
Gelehrten bloß für sich und jede Art von Gelehrten besonders für sich in ihrem
kleinen Zirkel bleiben und den großen Zirkel der übrigen ganzen Nation ihrer
Achtsamkeit unwürdig halten wollen? Es müssen zwar immer einige Gelehrte von
Profession vorhanden sein, deren jeder über seine Wissenschaft einzeln nachdenkt
und seine Bemerkungen den Gelehrten mitteilet; dies kann aber nicht
ausschließend alles ausmachen, was an unsrer Literatur schätzbar ist. Haben denn
die Gelehrten gar keine Pflichten gegen das übrige menschliche Geschlecht? Der
Bauer besäet das Feld, der Weber bereitet Zeuge, der Maurer bauet Häuser, der
Kaufmann bringt die zur Notwendigkeit und Bequemlichkeit gereichenden Dinge
zusammen. Sie tragen jeder durch ihren Fleiß das Ihrige zum gemeinen Besten bei,
und auch die Gelehrten werden durch sie genähret, bekleidet, vor den
Ungemächlichkeiten des Wetters bewahrt und mit Bequemlichkeiten versehen.
Sollten die Gelehrten nun ein Recht haben, ihre Einsichten beständig nur unter
sich zu behalten und sie nie dem geschäftigen Teile der Nation für die
Wohltaten, die sie täglich von ihm empfangen, mitzuteilen? Dies kann nicht
allein dadurch geschehen, wenn sie gewisse gemeinnützige Wahrheiten fasslich
vortragen, welche Beschäftigung die meisten deutschen Gelehrten deshalb
verachten, weil sie glauben, dass nur mäßige Geschicklichkeit dazu gehöre13. Es
gibt noch eine höhere Art der Gemeinnützigkeit, wozu Genie, Gelehrsamkeit,
Anstrengung aller Geisteskräfte erfordert wird und die man dadurch erreicht,
wenn man, wie ich schon gesagt habe, nicht allein jede Wissenschaft für sich
selbst, sondern auch in Absicht auf alle andern und alle in Absicht auf die
menschliche Gesellschaft betrachtet und anwendet. Hierin fehlen die meisten
deutschen Schriftsteller, die ihre Wissenschaft zwar aus dem
