 erzählten.
Hingegen könnte der Leser vielleicht durch die in dieser Geschichte
bekanntgemachten Meinungen in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder
Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat, so wäre es möglich, dass unter den
hier vorgetragenen Meinungen etwas Neues und wenigstens insofern Interessantes
vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters
Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die
Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers
finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen
sein dürfte, dass alle Meinungen, die er erzählt, auch die seinigen wären.
    Man beliebe sich auch nicht zu wundern, wenn es sich etwa ergeben sollte,
dass, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen als Geschichte und
Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte nicht die große Welt oder das
Highlife der Engländer. Spekulation war die Welt, worin er lebte, und jede
Meinung war ihm so wichtig als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist
dieses Werk auch gar nicht für die große Welt, sondern - deutsch heraus zu reden
- nur für Gelehrte geschrieben. Wir hoffen nicht von der halb unangekleideten
Schönen am Nachttische gelesen zu werden, die, indem sie ihrer eigenen Grazie
opfert, auf tant mieux pour elle einen schrägen Blick wirft; nicht von dem
pirouettierenden Petit-maître beim Aufstehen oder Frisieren, auch nicht, wenn er
en chenille mit ungepuderten Haaren von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von
dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht
und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von
der Buhlschwester; nicht von ...
    Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude
der Wissenschaften aus einem Kapitel seines Kompendiums übersieht, ein feister
Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worin eine Ketzerei
verborgen sein könnte, ein weiser Schulmann, der über Handel, Manufakturen und
Luxus Programme geschrieben hat, ein Student mit der Kennermiene, der in seiner
Dachstube die Kunst aus dem Grunde studiert, ein belesener Dorfpastor, der über
die Regierungskunst gelehrte Ratschläge geben kann - so mögen sie hinzutreten
und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird.
Dies ist wenigstens die Gattung Leser, die wir uns gewiss versprechen; ob wir
auch Leser anderer Art erhalten werden, ist ebenso ungewiss als das Schicksal
überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich
ist zu vermuten, dass durch viele der hier vorgetragenen Meinungen Spaltungen in
der Kirche erregt werden möchten und dass man darin Abweichungen von den
allgemeinen symbolischen Büchern und von den besonderen Formulis committendi
einzelner Städte oder Länder entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus
schließen, dass
