
neuen Entdeckungen nehmen, wenn er nie für den Gelehrten, sondern nur für den
Unwissenden schreiben sollte. Es müssen also gelehrte Bücher bloß für Gelehrte
geschrieben werden.
    Hieronymus: Ganz recht! Nur wenn die Nation durch die Schriften der
Gelehrten soll erleuchtet werden, so muss sich die Anzahl der bloß für Gelehrte
geschriebenen Bücher zu den für das ganze menschliche Geschlecht geschriebenen
verhalten wie die Anzahl der Gelehrten zu dem übrigen menschlichen Geschlechte:
ungefähr wie achttausend zu dreißig Millionen. Ich befürchte nur, es wird in
Deutschland gerade umgekehrt sein.
    Sebaldus: Wenn nun aber in Deutschland die Anzahl der Gelehrten größer ist,
die sich fähig finden, durch neue Erfindungen die Grenzen der Wissenschaften zu
erweitern, als derjenigen, die sich fähig finden, die schon erfundenen
Wahrheiten für das Publikum fasslich zu machen?
    Hieronymus: Ich zweifle, dass deshalb die deutschen Gelehrten bloß für
Gelehrte schreiben, weil sie viel neue Entdeckungen zu machen hätten. Es sind in
Deutschland nach einer gewiss nicht zu starken Berechnung seit hundert Jahren
achthundert bis neunhundert Logiken geschrieben worden12; vielleicht in dreien
oder vieren mag diese Wissenschaft durch einige kleine neue Entdeckungen
bereichert sein, die übrigen schreiben sich aus, und aufs höchste haben sie
einige Definitionen verändert oder einige Lehrsätze anders eingekleidet. Das
sind dann die neuen Erfindungen, worauf sie stolz tun. Sind solche Entdeckungen
wohl der Mühe wert? Und wäre es, wenn so wenig Neues zu entdecken war, nicht
besser gewesen, das schon Entdeckte lieber gemeinnützig zu machen? Es kommt mir
vor, als ob in Deutschland in den beiden vorigen Jahrhunderten Materialien zu
dem großen Gebäude der Wissenschaften gesammlet wurden, die aber in ziemlicher
Unordnung untereinander herumlagen, Quadersteine, Backsteine, Dachziegel,
Balken, Bretter, Eisenwerk und so weiter. Im vorigen Jahrhunderte war die
Beschäftigung der Gelehrten, die Materialien abzusondern und jede Art in
zierliche Schichten übereinanderzusetzen. In diesem Jahrhunderte hätten
Baumeister kommen sollen, die aus denselben, dem menschlichen Geschlechte zum
Besten, Gebäude aufgeführt hätten. Aber jeder deutsche Gelehrte fährt fort, sein
Schichtchen Bruchsteine vor sich her dicht aufeinanderzulegen, und nennt es ein
Lehrgebäude. Ist jemand so glücklich, auf einem Spaziergange ein paar einzelne
Steine zu finden und sie in guter Ordnung zu seinem Häufchen hinzuzufügen, so
heißt er ein Erfinder. Der, welcher große Quadersteine in Graben
nebeneinanderwälzt, dass sie einem Gebäude zum Fundamente dienen könnten, heißt
ein tiefsinniger, gründlicher Mann. So tun unsere sämtlichen Gelehrten nichts,
als Materialien in Ordnung bringen oder einen Grund legen. Fängt aber jemand an,
aus diesem verschiedenen großen Haufen, der jahrhundertelang dicht
übereinandergepackt stand, auf den schon gelegten Grund ein Gebäude zu bauen, so
verspottet man ihn als einen seichten Kopf, der Materialien und Grund von andern
nimmt und dessen Ordnung
