 menschlichen Geistes
ergründet zu haben, wenn er seine Gedichte oder sein gangbares System im Kopfe
hat, und die Welt zu kennen glaubt, wenn er sein Studierstübchen oder höchstens
die Universität kennt, wo er sich mit seinem bisschen teoretischen Wissen blähen
kann, oder den Zirkel seiner fünfzehn Anbeter, wo er seine Launen auskramen
darf, wo er für einen großen Mann gehalten wird und sich daher allein darin
gefällt. Dieses gelehrte Völkchen von Lehrern und Lernenden, das etwa
zwanzigtausend Menschen stark ist, verachtet die übrigen zwanzig Millionen
Menschen, die außer ihnen deutsch reden, so herzlich, dass es sich nicht die Mühe
nimmt, für sie zu schreiben, und wenn es zuweilen geschieht, so riecht das Werk
gemeiniglich dermaßen nach der Lampe11, dass es niemand anrühren will. Weder in
England noch in Frankreich können so sehr platte gelehrte Originale wie hier in
Deutschland sich zeigen, ohne allgemein ausgelacht zu werden. Unsere gelehrten
Originale werden zwar in den gelehrten Zeitungen, das heißt in der einzigen
Welt, wo sie leben, hoch gepriesen, aber die übrige Welt würdigt sie nicht
einmal der Ehre, sie auszulachen. Die zwanzig Millionen Ungelehrten vergelten
den zwanzigtausend Gelehrten Verachtung mit Vergessenheit; sie wissen kaum, dass
sie in der Welt sind. Weil nun fast kein Gelehrter für Ungelehrte schreiben kann
und dennoch die ungelehrte Welt so gut ihr Bedürfnis zu lesen hat als die
gelehrte, so bleibt das Amt, für Ungelehrte zu schreiben, die nicht Französisch
lesen können, endlich den Verfassern der »Insel Felsenburg« und der »Moralischen
Wochenblätter«, deren Fähigkeiten den Fähigkeiten der Leser, die sie sich
gewählt haben, in der Tat viel genauer entsprechen als die Fähigkeiten der
größten Gelehrten ihren Lesern, die daher weit mehr gelesen werden als die
größten Genien, die sich in ihrer Exzentrizität - von ihnen Größe genannt - so
sehr wiegen, daher aber auch ihre Leser nicht um einen Daumbreit höher
hinaufheben, sondern vielmehr sehr oft nicht wenig beitragen, dass das Licht der
wahren Gelehrten sich nicht auf die Ungelehrten ausbreitet. Daher sind einige
Städte bei uns so helle, und ganze Länder liegen in der größten Finsternis.
    Sebaldus: Aber die Wissenschaften können nicht allemal so fasslich
vorgetragen werden, dass sie der große Haufen begreife. Dadurch würden sie nicht
allein nicht erweitert werden, sondern endlich nur in ein seichtes Geschwätz
ausarten, das man bei halbem Hinhören schon versteht; aber ihre wichtigsten
Wahrheiten würden sie entbehren müssen, weil diese nicht durch flüchtige Lektur,
sondern bloß durch ein gründliches Studium gefasst werden können. Ich erinnere
mich, gehört zu haben, dass die Franzosen auf diese Art verschiedenen
Wissenschaften geschadet haben, weil sie populär vortragen wollten, was sich
nicht populär vortragen lässt. Man würde auch dem Gelehrten alle Begierde nach
