 Ich erstaune immer mehr über das, was Sie da sagen. Es ist mir,
als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland
im Sinne haben!
    Magister: Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt
der Imagination, wo jeder berühmte Mann viel Verdienste hat, wo jeder
Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre
Nachrichten vom Buche enthalten, wo niemals ein Journalist den Verfasser
anschwärzt, dem er nicht wohlwill, wo kein beleidigter Schriftsteller Kabalen
macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemal tugendhaft und ein Lehrer der
Weisheit weise ist. Mein lieber Freund, träumen Sie nicht ferner, so angenehm
Sie auch träumen mögen; sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, und
Sie werden finden, was ich Ihnen sage, ist keine Erdichtung.
    Sebaldus: Nun, wenn auch jemand einmal so etwas unternähme, so kann doch das
Publikum nicht lange in der Verblendung bleiben; und dann wird es mit der
Manufaktur bald zu Ende gehen.
    Magister: Unser Publikum ist sehr nachsehend, zumal bei dicken Büchern, das
heißt bei denjenigen, welche die Übersetzer von Profession am liebsten wählen.
Ich versichere Sie, dass wenigstens der dritte Teil der deutschen Bücher auf
diese Art fabriziert wird. Denn ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass
beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Übersetzungen sind, und ich sage
gewiss zuwenig, wenn ich nur zwei Drittel der Übersetzungen als Manufakturarbeit
ansehe.
    Sebaldus: Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Übersetzungen!
Was wird denn alles übersetzt?
    Magister: Was? Bogen und Alphabete! Um den Inhalt bekümmert sich weder
Verleger noch Übersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann.
    Sebaldus: Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden
sein.
    Magister: Ach nicht doch! Die Leser der Übersetzungen sind gutwillige
Seelen. Sie haben gegen alles, was schwarz auf weiß gedruckt ist, eine große
Ehrerbietung. Und wenn sie auch etwas nicht recht verstehen, so nehmen sie die
Schuld selbst auf sich und zählen Übersetzer und Verfasser los. Kein deutscher
Leser wird das Unglück einer neuen Übersetzung machen, sowenig als noch ein
deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat.8
    Sebaldus: Aber wenn auch niemand es merket, so ist's doch einem Gelehrten
unanständig, die Gelehrsamkeit bloß zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen und
die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.
    Magister: Seien Sie aus allzu großer Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser
Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fordern, als es um sie verdient. Wo
ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo
ist
