 bin.
    Sebaldus: Ja, dem Buchstaben nach, aber nicht im wahren Geiste. Eine blinde
Unterwürfigkeit unter die Aussprüche der geistlichen Obern ist nicht der wahre
Geist des Protestantismus. Was wir glauben sollen, davon müssen wir überzeugt
sein. Die bloße Annehmung einer Lehre, weil sie in einem Buche verzeichnet ist,
es mag dies Buch Bibel, symbolisches Buch oder wie man sonst will heißen, ist
keine Überzeugung. Sollen wir überzeugt werden, so müssen wir untersuchen, und
erst dann, wann wir einen Satz durch vernünftige Untersuchung für wahr erkennen,
kann er moralische Wirkungen veranlassen.
    Mackligius: Aber, Herr Magister, wohin würden wir kommen, wenn wir erst von
neuem anfangen wollten zu untersuchen? Müsste man da nicht sein ganzes Leben lang
studieren? Zumal in unsern jetzigen letzten, betrübten Zeiten, da, wie man aus
den »Hamburgischen Nachrichten« zuweilen sieht, an der Ober-Elbe so viele
neuerungssüchtige Leute sind, die nichts wollen als untersuchen, die uns eine
ganz neue Theologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen? Ja wahrhaftig,
eine neue Bibel! Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen
Zettel, dass ich 234 Mark auf eine Bibel pränumerieren soll, die einer in England
(ich glaube, der Mensch heißt Kennikott) will drucken lassen. Ja, dass Gott
erbarm'! 234 Mark in diesen schweren Zeiten! Und da sollen in dieser Bibel viele
tausend Stellen ganz anders sein als in unserer lutherischen Bibel! Nun sehen
Sie einmal selbst, was das für eine Verwirrung in unserm guten Holstein geben
würde, wenn man nicht schon wüsste, was man zu glauben hätte.
    Sebaldus: Ich habe von dieser Bibel auch gehört, glaube aber, sie wird ganz
und gar keine Verwirrung anrichten, sondern kann vielmehr einen sehr großen
Nutzen haben. Denn wenn die Theologen, wie es nicht unterbleiben wird, über die
Menge der Varianten, die der arbeitsame Engländer für seine fünfzigtausend Taler
zusammengelesen hat, sich fünfzig Jahre lang werden müde disputiert haben, so
wird man endlich wohl einsehen, dass die Glückseligkeit des menschlichen
Geschlechts, die Gott bei seiner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muss, nicht
auf Schreibfehlern und Varianten, Mutmaßungen und Wortklaubereien beruhen kann.
Also auch von dieser Untersuchung über Varianten will ich niemand abschrecken.
Ich glaube, die wahre Religion kann und wird die strengsten Untersuchungen von
aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Namen fortfahren, alle Meinungen
der Menschen zu Sichten und den Weizen von der Spreu zu sondern.
    Mackligius rief sehr erschrocken: »Nein, nein! Die Menschen müssen nicht zu
vorwitzig sein. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen, wer weiß,
wohin wir noch geraten. Da können wir noch Synkretisten
