 wahres
Unglück sein, unter ihnen zu wohnen. Aber«, fuhr er nach einigem Staunen30 fort,
»sollten Menschen, die so gesinnt sind, wohl in Gesellschaft leben können?
Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit blühend werden können, der lauter solche
Bürger entielte? Und doch soll, nach allgemeiner Versicherung, der preußische
Staat nur seit Menschengedenken sehr blühend geworden sein; besonders soll ja
Berlin am Wohlstande seit dreißig Jahren sichtlich zugenommen haben.«
    Der Pietist, welcher den Sinn dieser Rede nicht fassen konnte, sagte mit
dummer Gleichgültigkeit: »Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu tun? Die
Kinder dieser Welt sind immer klüger als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir
gewiss, es gibt in dieser großen Stadt, wenige fromme Seelen ausgenommen, die
noch ihren Heiland liebhaben, nichts als böse Ateisten, die keinen Gott, keinen
Teufel und keine Hölle glauben.«
    »Ei nun«, sagte Sebaldus, »wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube
ich einen und weiß, dass er keinem seiner Geschöpfe mehr Elend auflegen wird, als
es tragen kann.«
 
                               Dritter Abschnitt
Sie waren unter dergleichen Gesprächen durch Spandau gegangen und kamen
unvermerkt bei Charlottenburg an. Sebaldus erblickte mit Vergnügen jenseit der
Spree, im königlichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbäume,
worunter einige einzelne Spaziergänger auf und ab wandelten. Er blieb auf der
Brücke stehen, um noch einmal danach zurückzuschauen. Das Schloss hingegen ließ
er liegen, ohne dass ihm auch nur eingefallen wäre, zu fragen, was für ein großes
Gebäude dies sei. So sehr ward er von den Schönheiten der Natur gerührt, und so
wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst.
    Je weiter sie in den berlinischen Tiergarten kamen, desto mehr ward Sebaldus
entzückt. Es war in der Nacht ein starker Regen gefallen, welcher den Sand,
womit die Natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht
und den Staub von den Baumblättern abgewaschen hatte, den tausend
Frauenzimmerschleppen nebst einer verhältnismässigen Anzahl von Wagenrädern und
Pferdefüssen bei trockenem Wetter im Tiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag
hatte sich das Wetter aufgeklärt, und der Bäume mannigfaltiges Grün ward durch
den heitern Sonnenschein und durch die völlig reine Luft noch mehr erhoben.
    Die Wanderer sahen die glückliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken
Ulmen, hellgrünen, weissrindigen Birken und freundlichen Akazien, denen
hundertjährige majestätische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische
Gänge von dichtem Lärchenholze und von düstern Eiben führen auf grüne Säle, mit
Statuen geziert und mit Hecken von jungen Eichen und von immergrünem Nadelholze
umkränzt. Sie traten in Gänge, beschattet von Linden und breitbelaubten
Platanusbäumen, hinter welchen dichte Gebüsche von Erlen und Espen die feuchten
Gründe anfüllen; neben ihnen der dichtere Wald, wo einsam
