 gegangen sei, da die Wege nach dem Frieden so
unsicher wären. »Nicht eben«, setzte er hinzu, »als ob ich viel Geld bei mir
hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch
meine Überlegung gesegnet.«
    Sebaldus versetzte: »Ich habe an dergleichen Vorsicht nicht gedacht, denn
ich hatte noch keinen Begriff davon, dass ein Mensch seinen Nebenmenschen mit
kaltem Blute anfallen und berauben könnte.«
    »Ach, mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn
wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem,
unerforschlichem, tiefem Verderbnisse!«
    »Ei, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die
Natur der Menschen überhaupt schließen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie
die wilden Tiere uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben und uns zu
unterstützen.«
    »Ach, wir armen Menschen! Wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die
Gnade nicht unterstützte? Wie könnten wir etwas Gutes wirken, wenn es die
alleinwirkende Gnade nicht wirkte?«
    »Freilich, wir haben alles durch die göttliche Gnade, sie wirkt aber nicht
wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt,
hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben, hat Würde und
Güte in die menschliche Natur gelegt, damit wir zum Guten tätig sein sollen und
können.«
    »O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder!« rief der Fremde mit einem
tiefen Seufzer aus. »Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir
nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen.
Wollt ihr zu Jesu Herden,
So müsst ihr gottlos werden!
Das heißt, ihr müsst die Sünden
Erkennen und empfinden,
wie ein teurer Knecht Gottes singet.25 Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade
alles wirken lassen, der Gnade alles zuschreiben; dann wird die Gnade in uns
erst recht groß, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden.
Wenn wir uns mit den Siechen
Ins Lazarett verkriechen!«
Sebaldus zuckte die Achseln und sagte: »Dies sind gesalbte Schälle ohne Sinn,
die nur einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen. Wir besitzen Kräfte
zum Guten. Wer dies leugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so
viel Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluss einer übernatürlich
wirkenden Gnade können wir Tugenden und edle Taten ausüben. Oder sind etwa
Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Großmut, Mitleiden, Dankbarkeit nicht
Tugenden?«
    »Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit
solchem Bettlermantel will der unwiedergeborne Mensch den Aussatz seiner von
Grund aus verderbten Natur bedecken! Mit
