
        
                               Friedrich Nicolai
                         Leben und Meinungen des Herrn
                               Sebaldus Notanker
                           Vorrede zur vierten Auflage
                                        
                                     (1799)
Als dieses Buch vor sechsundzwanzig Jahren zuerst erschien, regierte in
Deutschland ziemlich allgemein das Vorurteil: der geistliche Stand müsse, um
sein Ansehen zu behaupten, sich notwendig von allen anderen Ständen durch eine
ungesellige Gravität absondern. Diese ortodoxe, finstere Würde schien sogar
vielen geistlichen Herren ein Teil der Würde der ortodoxen Religion selbst zu
sein; und weil damals ein heiliger Schauder vor jeder Neuerung in der Lehre
Frömmigkeit hieß, so schien es vielen eifrigen Theologen auch schon die
gottloseste und verdammlichste Neuerung, dass in diesem Buche Personen
geistlichen Standes, gleich anderen Menschen, geschildert waren, so wie sie
sind. Besonders gaben sie es für Verachtung des geistlichen Standes aus, dass
fast alle in dieser Geschichte vorkommenden Prediger und sogar die Hauptperson
ganz gemeine Menschen wären. Wie arg deshalb über mich öffentlich hergefahren
worden und wie weit die heimlichen Verunglimpfungen mancher ortodoxen Herren
gingen, sollte man kaum glauben. Die Beschreibung davon würde ein so widriges
als lächerliches Bild geistlicher Rachsucht geben, wenn es der Mühe lohnte, alle
Züge derselben zusammenzustellen.
    Von der anderen Seite ward ich auch von aufgeklärten Geistlichen der
Unbilligkeit beschuldigt, weil im zweiten Bande der damals noch ganz neuen,
verbesserten Theologie eben nicht viel Einfluss auf die Einwohner Berlins
zugeschrieben war, da doch diese Herren glaubten, Berlin müsse vermöge derselben
der Brennpunkt der höchsten Aufklärung sein. Als nach einigen Jahren ein neues
Gesangbuch eingeführt werden sollte, zeigte sich, dass meine Schilderung eines
großen Teils der Einwohner Berlins nur allzu getreu gewesen war.
    In Berlin war damals schon vermöge der liberalen Denkungsart, welche
Friedrich der Große durch sein Beispiel einführte und beschützte, von
Philosophen und Theologen zur freien Entwickelung der Kräfte des menschlichen
Geistes sehr viel geschehen. Dies ward allgemein anerkannt, nur konnte sich die
Wirkung davon nicht so geschwind in alle Stände ausbreiten, als es manche
lebhafte Einbildungskraft verlangte. Doch hätte sich damals auch wohl niemand
vorstellen können, es würde eine Zeit kommen, da selbst in Berlin die Aufklärung
in der Religion und die Anwendung der gesunden Vernunft auf die wichtigsten
Angelegenheiten des menschlichen Lebens durch öffentliche Gewalt sollten
gehindert werden wollen. Und doch kam diese Zeit, welche nun, gottlob, vorbei
ist. Menschen, deren sinnlose Herrschsucht nur mit ihrer Unwissenheit zu
vergleichen war, missbrauchten die ihnen gegebene Macht auf eine Art, welche
zeigt, wie schrecklich und wie zwecklos zugleich es ist, den weltlichen Arm zur
Herrschaft über Meinungen anzuwenden. Sie entblödeten sich sogar nicht, die
»Allgemeine deutsche Bibliothek«, ein Werk, zu welchem ich seit dreißig Jahren
eine Anzahl verdienstvoller deutscher Gelehrten vereinigte, als ein Buch wider
die Religion anzuklagen und ohne alle Untersuchung ein Verbot zu bewirken:
ungeachtet ich einige
