 König Azor einige Jahre so glücklich als Jugend,
blühende Gesundheit und unumschränkte Macht einen Sterblichen machen können, der
seine Glückseligkeit in einer immer währenden Berauschung der Seele, in den
ausgesuchtesten Wollüsten der Sinne, der Einbildung und des Herzens findet. Azor
liebte das Vergnügen über alles; aber sein edles und gefühlvolles Herz liebte
auch es auszubreiten, und wenn er sich selbst glücklich fühlte, so wollte er so
weit als sein Gesichtskreis sich erstreckte, lauter Glückliche um sich sehen.
    Drei oder vier Jahre gingen auf diese Weise in einer ununterbrochenen Kette
von Festen und Ergetzungen vorüber, in welchen Witz und Kunst alle ihre Kräfte
zusammen setzten, die kleine Anzahl angenehmer Rührungen, deren die sparsame
Natur den Menschen fähig gemacht hat, ins unendliche zu verändern, zu
vervielfältigen, zu vermischen, zu erhöhen, und durch tausend geschickt
verborgene Handgriffe diese angenehmen Täuschungen hervorzubringen, die den
Überdruss betrügen, und die Seele in einem Wirbel von Freuden so schnell herum
drehen, dass ihr nicht so viel Macht über sich selbst bleibt, Betrachtungen über
das was in ihr vorgeht, und über den Wert der Gegenstände, in deren angenehmer
Gewalt sie ist, anzustellen. Man glaubt neue Sinne zum Gefühl des Vergnügens zu
bekommen, mit jedem Tage zu einem neuen wollüstigern Dasein hervor zu gehen; und
man wird nicht eher gewahr, dass man sich unter einer Art von Bezauberung und
außerhalb des angewiesenen Kreises der natürlichen Wirksamkeit befindet, bis
Erschöpfung der Lebensgeister, Erschlaffung der Sinne, oder noch empfindlichere
Folgen einer wollüstigen Unmässigkeit, die Seele aus ihrem süßen Taumel wecken,
um sie dem Gefühl einer unerträglichen Leerheit und einer Reihe unangenehmer
Betrachtungen zu überliefern, welche auf den Weg der Weisheit führen könnten,
wenn die Gewohnheit uns nicht bald wieder mit mechanischer Gewalt zu eben diesen
Gegenständen und Vergnügungen zurück zöge, deren betrügliche Beschaffenheit wir
vergebens erfahren haben, weil sie sich nur unter einer neuen Gestalt zeigen
dürfen, damit wir uns aufs neue von ihnen betrügen lassen.«
    »Madam«, sagte der Sultan, »pflegt man das, was Sie uns eben jetzt mit dem
melodiösesten Akzent von der Welt vorgelesen haben, nicht eine Tirade zu nennen?
Was es auch für einen Namen haben mag, so erkläre ich hiermit, dass ich nur ein
sehr mittelmässiger Liebhaber davon bin. Ich bin zwar der Moral nie so gram
gewesen als mein werter Oheim Schach-Baham, glorreichen Gedächtnisses: aber
gleichwohl werden Sie mich verbinden, wenn Sie künftig alle Deklamationen dieser
Art, denen Ihr Autor aus einem Naturfehler ziemlich häufig unterworfen zu sein
scheint, ohne die mindeste Furcht dass ich etwas dabei verlieren möchte,
überhüpfen werden. Ich kann nichts in diesem Geschmacke lesen oder hören, ohne
dass ich stracks meinen Iman mit seinen aufgezogenen Augenbraunen und blasenden
Backen vor
