 immer währenden Grams in welchem seine
düstere Seele wohnte, predigte er so lange, bemühte sich so sehr sie durch
tausend sophistische Schlüsse sich selbst wahr zu machen, bis er es endlich so
weit brachte, sich völlig davon überzeugt zu glauben. Itzt bildete er sich ein,
dass es lauter Menschenliebe sei, was ihn anfeure, alle Leute zu eben so
unglückseligen Geschöpfen machen zu wollen, als er selbst war; und nachdem seine
Krankheit ihre höchste Stufe erreicht hatte, endigte er damit, die Zerrüttung
seiner Empfindungswerkzeuge und Begriffe dem höchsten Wesen selbst beizulegen,
und den Schöpfer des Guten, dessen durch das Unermessliche ausgebreitete Kraft
Leben und Wonne ist, als einen grämischen Dämon abzuschildern, den die Freude
seiner Geschöpfe beleidigt, und dessen Zorn nur Entaltung von allem Vergnügen,
nur Seufzer, Tränen und freiwillige Martern besänftigen können.
    Es ließ sich noch viele merkwürdige Dinge von den Folgen dieser
menschenfeindlichen Sittenlehre sagen, und von dem sinnreichen Gebrauche,
welchen die Derwischen, Fakirn, Talapoinen, Bonzen und Lamas in allen Teilen von
Asien und Indien davon zu machen gewusst haben. Aber ich würde doch am Ende nur
Dinge sagen, die dem Sultan meinem Herrn und der ganzen Welt längst bekannt sind
(wiewohl ohne dass die Welt sich dadurch besser zu befinden scheint) und es gibt
eine Zeit anzufangen, und eine Zeit aufzuhören, sagt der weise Zoroaster.«
    Schach-Gebal war (wir wissen nicht warum) mit der Erzählung des Philosophen
Danischmend, besonders mit dem Ende derselben, so wohl zufrieden, dass er
sogleich Befehl gab, ihm fünfhundert Bahamd'or aus seinem Schatze auszuzahlen.
»Sobald«, setzte er hinzu, »die Stelle eines Oberaufsehers über die Derwischen
und Bonzen ledig wird, soll sie kein andrer haben als Danischmend!«
    Nicht von ungefähr, sondern weil der Sultan von Nurmahal voraus berichtet
worden war, dass die Derwischen beim Schluße der Erzählung des Doktors übel
wegkommen würden, hatte der oberste Iman des Hofes Befehl erhalten, sich diese
Nacht beim Schlafengehen des Sultans einzufinden. Seine Majestät ergetzten Sich
nicht wenig an dem Verdrusse, welchen der Iman, wie Sie glaubten, über die
Verwandlung des Emirs in einen Derwischen empfinden würde. Aber vermutlich eben
darum, weil der Iman, ohne dass er darum schlauer als andre war, merken musste,
warum er die Ehre hätte da zu sein, beobachtete er sich selbst so genau, dass ihm
nicht das geringste Zeichen von Verdruss entwischte. Indessen konnt er sich doch
nicht erwehren die Anmerkung zu machen: Wofern es auch (woran er doch billig
zweifle) ein solches Völkchen in der Welt gäbe, wie diese so genannten Kinder
der Natur, so glaube er doch, dass man besser tun würde, die Nachrichten davon
entweder gänzlich zu
