 und Leidenschaften, und in dem Zusammenhang aller dieser Ursachen den
Grund des Glückes und des Elendes der menschlichen Gattung zu erforschen.
    Irre ich nicht, so ist die Geschichte der Könige von Scheschian, welche ich
hier zu Ihrer Majestät Füßen lege, nicht ganz unwürdig, unter die ernstaften
Ergetzungen aufgenommen zu werden, bei welchen Ihr niemals untätiger Geist von
der Ermüdung höherer Geschäfte auszuruhen pflegt. Große, dem ganzen
Menschengeschlecht angelegene Wahrheiten, merkwürdige Zeitpunkte, lehrreiche
Beispiele, und eine getreue Abschilderung der Irrungen und Ausschweifungen des
menschlichen Verstandes und Herzens, scheinen mir diese Geschichte vor vielen
andern ihrer Art auszuzeichnen, und ihr den Titel zu verdienen, womit das hohe
Ober-Polizei-Gericht von Sina sie beehrt hat; eines Spiegels, worin sich die
natürlichen Folgen der Weisheit und der Torheit in einem so starken Lichte, mit
so deutlichen Zügen und mit so warmen Farben darstellen, dass derjenige in einem
seltenen Grade weise und gut - oder töricht und verdorben sein müsste, der durch
den Gebrauch desselben nicht weiser und besser sollte werden können.
    Hingerissen von der Begierde, den Augenblick von Dasein, den uns die Natur
auf diesem Schauplatze bewilliget, wenigstens mit einem Merkmale meines guten
Willens für meine Nebengeschöpfe zu bezeichnen, hab ich mich der Arbeit
unterzogen, dieses merkwürdige Stück alter Geschichte aus der indischen Sprache
in die unsrige überzutragen; und in dieses Bewusstsein einer redlichen Gesinnung
eingehüllt, überlass ich dieses Buch und mich selbst dem Schicksale, dessen
Unvermeidlichkeit mehr Tröstendes als Schreckendes für den Weisen hat; ruhig
unter dem Schutz eines Königs, der die Wahrheit liebt und die Tugend ehrt,
glücklich durch die Freundschaft der Besten unter meinen Zeitgenossen, und so
gleichgültig, als es ein Sterblicher sein kann, gegen - - -1
 
                                   Einleitung
Alle Welt kennt den berühmten Sultan von Indien, Schach-Riar, der, aus einer
wunderlichen Eifersucht über die Negern seines Hofes, alle Nächte eine Gemahlin
nahm, und alle Morgen eine erdrosseln ließ; und der so gern Märchen erzählen
hörte, dass ihm in tausend und einer Nacht kein einziges Mal einfiel, die
unerschöpfliche Scheherezade durch irgend eine Ausrufung, Frage oder Liebkosung
zu unterbrechen, so viele Gelegenheit sie ihm auch dazu zu geben beflissen war.
    Ein so unüberwindliches Phlegma war nicht die Tugend oder der Fehler seines
Enkels Schach-Baham, der (wie jedermann weiß) durch die weisen und
scharfsinnigen Anmerkungen, womit er die Erzählungen seiner Visire zu würzen
pflegte, ungleich berühmter in der Geschichte geworden ist, als sein erlauchter
Großvater durch sein Stillschweigen und seine Untätigkeit. Schach-Riar gab
seinen Höflingen Ursache, eine große Meinung von demjenigen zu fassen, was er
hätte sagen können, wenn er nicht geschwiegen hätte; aber sein Enkel hinterließ
den Ruhm, dass es unmöglich sei,
