
    »Gnädigster Herr«, versetzte Danischmend, »ich muss Ihrer Majestät bekennen,
dass ich diese Geschichte aus einem neueren griechischen Dichter genommen habe,
der vermutlich, nach der Weise seiner Zunftgenossen, etwas von dem Seinigen zur
Wahrheit hinzu tut, um seine Gemälde interessanter zu machen. Es war ein
freundlicher Blick, sagt er, aber mit einem kleinen Zusatze von etwas, das weder
Verachtung noch Mitleiden, sondern eine sanfte Mischung von beiden war. Es war,
fährt er fort, der Blick, mit welchem ein Freund der Kunst die gestümmelte
Bildsäule eines Praxiteles ansieht, mit etwas von dem zürnenden Verdruss
untermischt, womit dieser Liebhaber den Goten ansehen würde, der sie gestümmelt
hätte.«
    »Das Bild ist fein, und gibt viel zu denken«, sagte Nurmahal. »Weiter,
Danischmend«, sagte der Sultan.
    »Inzwischen wurde das Abendessen aufgetragen, wobei der Emir eine neue
Erfahrung machte, die ihm, der so wenig gewohnt war über irgend etwas zu denken,
die unbegreiflichste Sache von der Welt zu sein deuchte. Allein, eh ich mich
hierüber erklären kann, seh ich mich genötigt, eine kleine Abschweifung über den
Charakter dieses Emirs zu machen, der eine Hauptfigur in meiner Erzählung
vorstellt, wiewohl es in der Tat nur die Rolle eines Zuschauers ist. Er war von
seiner Jugend an dasjenige gewesen, was man einen ausgemachten Wollüstling
nennt; ein Mensch, der keinen andern Zweck seines Daseins kannte, als zu essen,
zu trinken, sich mit seinen Weibern zu ergetzen, und von so mühsamen Arbeiten
sich durch eine Ruhe, welche ungefähr die Hälfte von Tag und Nacht wegnahm, zu
erholen, um zu der nämlichen Beschäftigung wieder aufzuwachen. Mit dieser groben
Sinnlichkeit verband er einen gewissen Stolz, der sehr geschickt war, die
nachteiligen Wirkungen derselben zu beschleunigen. Er setzte ihn darein, die
schönsten Frauen, die besten Weine, und die gelehrtesten Köche von ganz Asien zu
besitzen: aber auch daran genügte ihm noch nicht; er beeiferte sich auch, der
größte Esser, der größte Trinker, und der größte Held in einer andern Art von
Leibesübung zu sein, worin er mit Verdruss den Sperling und den Maulwurf für
seine Meister erkennen musste. Wenn ein Mann das Unglück hat, bei dieser
verkehrten Art von Ehrgeiz alle Mittel zu Befriedigung desselben zu besitzen, so
wird man ihn bald genug dahin gebracht sehen, zu Kantariden und Betel und
andern solchen Zwangsmitteln seine Zuflucht zu nehmen. Aber die Natur ermangelt
nie, sich für die Beleidigungen, die man ihr zufügt, zu rächen, und pflegt desto
grausamer in ihrer Rache zu sein, je weniger Vorwand ihre Wohltätigkeit uns zu
Rechtfertigung unsrer Ausschweifungen gelassen hat. Der Emir befand sich also,
mit dem reinsten arabischen
