 seltsamsten Eifer glühen Schwärmer unversucht, um wenigstens die
letzten Augenblicke des sterbenden Aberglaubens zu verlängern? Orakel, Wunder,
wiederkommende Seelen, alles, was außerordentlich war, wurde aufgeboten,
Pythagoras und Apollonius wurden zu göttlichen Männern und Teurgen erhoben, um
sie mit einigem Schein dem großen Stifter der wahren Religion entgegen zu
setzen. Das ganze Heidentum wurde umgeschmolzen, die ungereimtesten Fabeln zu
allegorischen Hüllen der erhabensten Wahrheiten gemacht, und das Werk des
Betrugs und des Aberglaubens in eine Teosophie verwandelt, deren Entdeckungen
und Versprechungen einen blendenden Glanz von sich warfen, und unbehutsame
Gemüter durch den Schein eines göttlichen Ursprungs täuschten. Man belegte die
christlichen Weisen, welche allen diesen Blendwerken Vernunft entgegen setzten,
mit dem verhassten Namen der Freigeister und Ateisten; kurz, man wagte in der
Verzweiflung alles. Aber vergebens traten Aberglauben, Schwärmerei und
Philosophie in ein unnatürliches Bündnis: die Wahrheit siegte; und eben dieser
Sieg bewies, dass sie Wahrheit war.
                                                 Anmerk. des latein. Übersetzers
28 Ein sehr nachdrückliches Beispiel hiervon ist der Satz, dass es Antipoden,
oder Gegenfüssler gebe, welcher dem Bischof zu Salzburg Virgilius (wofern es
nicht ein andrer Virgilius war, wie aus einigen Umständen sich vermuten lässt) so
schlimme Händel machte. Diese Lehre war so unerhört und dem damaligen gemeinen
Menschenverstande so anstößig, dass selbst die weisesten Männer sich nicht darein
finden konnten. »Man legte es ihm so aus« (sagt Aventinus in seinen Baierischen
Jahrbücher), »als ob er eine andre Welt, andre (das ist vermutlich nicht von
Adam und Eva entsprungne) Menschen, eine andre Sonne und einen andern Mond
behaupte. Bonifacius widerlegt diese Sätze als gottlos und der christlichen
Philosophie entgegen laufend, bestraft Virgilen deswegen öffentlich und
absonderlich, verlangt von ihm, dass er diese albernen Kindereien (Naenias)
widerrufe, und die einfältige und lautere Weisheit des Christentums nicht länger
mit dergleichen unsinnigen Träumen beflecke.« Der damalige Papst Zacharias, vor
welchen diese Sache, ihrer vermeintlichen Wichtigkeit wegen, gebracht wurde, sah
sie nicht mit gelindern Augen an als Bonifacius. Er nennt die Lehre von andern
Menschen unter der Erde eine verkehrte Lehre, welche Virgilius gegen Gott und
seine Seele ausgesprochen habe; und mutet in sehr ernstlichen Evocatoriis dem
Herzog Utilo zu (der, wie es scheint, den guten Virgil in seinen Schutz genommen
hatte), den gefährlichen Mann nach Rom zu senden, damit er aufs schärfste
examiniert, und, wenn er seines Irrtums überwiesen worden wäre, nach den
kanonischen Gesetzen gestraft werden könne. Baron. ad annum 748.
Uns dünkt nicht, dass man hinlängliche Ursache habe, den ehrwürdigen Bischöfen,
welche diese Antipodensache mit so vieler Strenge behandelt haben, deswegen so
hässliche Vorwürfe zu machen, als viele getan haben. Man
