 haben, indem er im Gesetzbuche selbst die
Priester gemessenst anwies, sich aller willkürlichen Auslegungen, Ausdehnungen
oder Einschränkungen, so wie aller spitzfündigen Fragen und Unterscheidungen,
gänzlich zu enthalten, und sich bloß auf die buchstäbliche Erklärung der
Gesetze, auf eine ihrem Geiste gemässe praktische Anwendung derselben, und auf
die Sorge einzuschränken, die Beweggründe zu ihrer getreuen Erfüllung dem Volke
mit der rührendsten Beredsamkeit einzuschärfen. Kurz, nach seiner Vorschrift
sollte das Gesetzbuch bloß der Text zum moralischen Unterrichte der Bürger sein.
Aber, da es schwer, wo nicht ganz untulich war, die Priester in eine physische
Unmöglichkeit zu setzen, aus den ihnen vorgeschriebenen Grenzen heraus zu
treten: so begab sich's (wiewohl sehr lange nach Tifans Zeiten), dass die
Priester Mittel fanden, aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger, aus
Auslegern Richter, und aus Richtern, zu großem Nachteile der Scheschianer,
zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden; - wie ich, wofern Ihre Hoheit an der
Fortsetzung dieser Geschichte Gefallen tragen sollten, zu seiner Zeit
umständlich zu erzählen die Ehre haben werde.
    Indessen scheint Tifan alles dies, wenigstens einiger Massen, vorausgesehen,
und daher die Notwendigkeit empfunden zu haben, alle Glieder eines Ordens, der
einen so wichigen Einfluss in den Staat hatte, so viel nur immer möglich, zu
rechtschaffenen Bürgern zu bilden. Er wendete deswegen, nachdem er die
Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte, eine ganz besondere
Vorsorge auf die Erziehung der künftigen Priester; und seinen unverbesserlichen
Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, dass er selbst noch in seinem Alter
das Vergnügen hatte, eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervor gehen zu
sehen, dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat. Würdige
Diener einer wohltätigen Gottheit, schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen
als Gutes zu tun. Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren
sittlichen Charakter, ohne sie aufzublähen; und das Beispiel ihres Lebens machte
beinahe allen andern Unterricht überflüssig. Ihre Weisheit war bescheiden,
sanft, herablassend; ihre Tugend unerkünstelt, ungefärbt und ohne hinterlistige
Absichten, die Frucht der glücklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer
Überzeugung; sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden, und hatte
der Folie eines gleisnerischen Ernstes nicht vonnöten. Menschenliebe und
patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens. Jedes
gemeinnützige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beförderer. Die sich
selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes, die großen und edelen Gesinnungen
wovon sie belebt waren, die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens
befreiten Zustande bloß mit Betrachtung der Wahrheit und Ausübung der Tugend zu
beschäftigen, die Leichtigkeit, womit sie jede Pflicht ausübten, und der
sittliche Reiz, der sich dadurch über ihr ganzes Leben ausbreitete, vereinigten
sich, sie
