 menschliche Seele
beschäftigen kann, über die Religion, beigebracht hatte, lassen nicht weniger
erwarten, als dass Tifan, sobald er den öffentlichen Ruhestand im Reiche
hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte, sich
mit allem Eifer einer aufgeklärten Frömmigkeit dazu verwendet haben werde, den
Völkern von Scheschian, statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so vielen
Jahrhunderten von ihren Priestern unterhalten worden waren, eine vernünftige und
dem wahren Besten der Menschheit angemessene Religion zu geben; und man muss
gestehen, dass er hierin alles getan hat, was man billiger Weise von einem
Gesetzgeber fordern kann, dessen Schuld es nicht war, etliche tausend Jahre vor
der Geburt unsers großen Propheten in die Welt gekommen zu sein.
    Um zu seinem Zwecke zu gelangen, musste er zwei große Dinge zu Stande
bringen, - den Aberglauben vernichten, der noch immer dem größeren Teile seines
Volkes in dem feuerfarbnen oder in dem blauen Affen den geheiligten Gegenstand
einer verjährten Anbetung zeigte; - und schickliche Mittel finden, die
Scheschianer an würdige Begriffe von dem höchsten Wesen und an einen
vernünftigen Gottesdienst zu gewöhnen. Beides würde manchem andern Regenten
unendlich schwer und vielleicht ganz unmöglich gefallen sein. Aber Tifan, der in
dieser wichtigen Sache ohne Nebenabsichten, nach Grundsätzen die aus der
tiefsten Kenntnis des Menschen geschöpft waren, und nach einem durchdachten
Plane, langsam, aber anhaltend und standhaft verfuhr, Tifan erreichte seinen
Zweck, und - was in einem Geschäfte dieser Art das Ausserordentlichste ist, aber
die natürliche Folge seines klugen Verfahrens war - erreichte ihn, ohne dass eine
so große Veränderung die geringste Erschütterung im Staate verursacht, oder
irgend einem Scheschianer einen Tropfen Blut gekostet hätte.
    Der erste Schritt, den er zu diesem Ende tat, war eine Verordnung, in
welcher beide Teile, Blaue und Feuerfarbne, zum Frieden und zu gegenseitiger
Duldung angewiesen wurden. Tifan schilderte darin mit wenigen aber starken Zügen
den Abgrund von Elend, worein die Nation unter Azorn und Isfandiarn durch
schwärmerischen Eifer und unduldsame Grundsätze gestürzt worden. Er stellte den
Geist der Verfolgung in seiner ganzen abscheulichen Ungestalt dar: er führte an,
dass die Begriffe der Menschen weder von ihrer eigenen Willkür noch von den
Befehlen eines Obern abhangen; dass Irrtum niemals ein Verbrechen sei; dass kein
Mensch, kein Priester, keine Obrigkeit in der Welt ein Recht haben könne, andere
zu zwingen, ihrer Überzeugung und ihrem Gewissen zuwider zu handeln; und dass der
Weg des sanftesten Unterrichts und eines guten Beispiels der einzige sei, auf
welchem Verirrete in die Arme der Wahrheit und der Tugend zurück geführt werden
können. Diesen Grundsätzen zu Folge versicherte er nicht nur beiden Teilen
seinen königlichen Schutz für die ungekränkte Ausübung desjenigen
Gottesdienstes, zu welchem sie sich in ihrem Gewissen verbunden hielten; sondern
gewährte auch einem jeden,
