 Städten und andern schicklichen Plätzen waren Häuser angelegt, wo die
Kinder der Tagelöhner und der Dürftigen (sobald die Last der Ernährung und
Erziehung derselben den Eltern zu schwer fiel) auf Unkosten des Königs erzogen
wurden.«
    »Dein Tifan war ein seltsamer Kameralist«, rief Schach-Gebal aus.
    »Dies war er auch in der Tat, wie Ihre Hoheit aus einem der folgenden
Kapitel seiner Gesetze sehen werden. Indessen fiel diese Einrichtung, durch die
Art wie sie veranstaltet war, dem Staate gar nicht schwer, und verschafte ihm
hingegen einen vielfachen beträchtlichen Nutzen. In den meisten andern Staaten
vereinigen sich Dürftigkeit, ungesunde Nahrung, und durchgängige Verwahrlosung
der Leiber und der Seelen, aus den Kindern der Tagelöhner und der untersten
Klasse der Handwerksleute eine Art von Geschöpfen zu machen, die von der
dümmsten Art von Vieh kaum durch etwas andres als einige, wiewohl öfters sehr
unvollkommene, Ähnlichkeit mit der menschlichen Gestalt zu unterscheiden sind.
In Scheschian war es ganz anders. Da die Eltern dieser Kinder (außer einem
geringen Beitrage, den sie zum Unterhalt derselben bis ins siebente Jahr - das
ist, bis sie durch die Arbeit, wozu sie angehalten wurden, ihre Nahrung selbst
verdienen konnten - von ihrem Verdienste abgeben mussten) bloß für ihren eigenen
Unterhalt zu sorgen hatten, den sie durch eine nicht übermäßige Arbeit reichlich
erwerben konnten: so brachten sie zu einem Geschäfte, welches die Natur zum
Besten der Menschheit mit so vielem Reize verbunden hat, mehr Lust, Munterkeit
und Kräfte, als man von andern ihresgleichen, unter den elenden und drückenden
Umständen, worin sie in den meisten Ländern schmachten, erwarten kann. Sie
zeugten also auch gesundere, stärkere und schönere Kinder; und die weisen
Anstalten, welche Tifan zu Erziehung derselben getroffen hatte, waren eben so
viele Pflanzschulen, worin dem gemeinen Wesen nützliche Mitglieder von allen
Arten gebildet wurden.
    In den meisten andern Staaten würden solche Anstalten, aus Mangel kluger
Einrichtung und guter Aufsicht, in kurzem ausarten, und den gemeinnützigen Zweck
nur auf eine sehr unvollkommene Weise befördern. Aber hier hatte Tifan für alles
gesorgt. Alle in dergleichen öffentlichen Erziehungshäusern sonst gewöhnliche
Missbräuche waren unmöglich gemacht. Diese Kinder genossen unter dem Namen der
Pflegekinder des Königs den unmittelbaren königlichen Schutz. Die Könige selbst,
welche das Gesetz nach dem Beispiele Tifans zu beständigen Reisen durch die
verschiedenen Provinzen des Reichs verpflichtete, kamen von Zeit zu Zeit, den
Zustand ihrer Pflegekinder zu untersuchen, und die geringste Untreue oder
Saumseligkeit auf Seiten der Personen, welche als Bediente oder als Lehrmeister
und Aufseher bei diesen Häusern angestellt waren, wurde so scharf bestraft, ein
pflichtmässiges Betragen hingegen, nach Verfluss einer gewissen Zeit, so wohl
belohnt, dass Fremde, welche diese sonderbaren Stiftungen sahen, sich nicht genug
