 denn das Angesicht, das es zeigt, ist nicht sein eigenes; es nimmt die
Gestalt der Gerechtigkeit, der Gnade, des Eifers für Religion und Sitten, der
Wohlmeinung mit dem Fürsten und dem Staate, kurz die Gestalt jeder Tugend an,
von welcher es der ewige Feind und Zerstörer ist. Seine Geschicklichkeit in
dieser Zauberkunst ist unerschöpflich, und kaum ist es möglich, dass die Weisheit
des besten Fürsten sich gegen ihre Täuschungen hinlänglich verwahren könnte.
Ihre Majestät glaubten vielleicht das Urteil eines Übeltäters zu unterschreiben,
und unterschrieben den Sturz eines Tugendhaften, dessen Verdienste sein einziges
Verbrechen waren. Sie glaubten einen ehrlichen Mann zu befördern, und
beförderten einen schändlichen Gleisner. Doch, dies sind Wahrheiten, wovon Sie
nur zu sehr überzeugt sind. Sie beklagen das unglückliche Los Ihres Standes. Wem
soll man glauben? Tugend und Laster, Wahrheit und Betrug haben einerlei Gesicht,
reden einerlei Sprache, tragen einerlei Farbe; ja, der feine Betrüger (das
schädlichste unter allen schädlichen Geschöpfen) weiß das äußerliche Ansehen
gesunder Grundsätze und untadeliger Sitten gemeiniglich besser zu behaupten als
der redliche Mann. Jener ist es, der die Kunst ausgelernt hat, seine
Leidenschaften in die innersten Höhlen seines schwarzen Herzens zu verschließen,
der am besten schmeicheln, am behendesten sich jeder Vorteile bedienen kann, die
ihm die schwache Seite seines Gegenstandes zeigt. Seine Gefälligkeit, seine
Selbstverleugnung, seine Tugend, seine Religion kostet ihm nichts; denn sie ist
nur auf seinen Lippen, und in den äußerlichen Bewegungen, die sein Inwendiges
verbergen: er hält sich reichlich für seine Verstellung entschädiget, indem er
unter dieser Maske jeder bösartigen Leidenschaft genug tun, jeden
niederträchtigen Anschlag ausführen, und mit einer ehernen Stirne noch Belohnung
für seine Übeltaten fodern kann. Ist es zu verwundern, o Sohn des Himmels, dass
so viele sind, die alle andere Talente verabsäumen, alle rechtmäßige und edle
Wege zu Ansehen und Glück vorbei gehen, und mit aller ihrer Fähigkeit allein
dahin sich bestreben, es in der Kunst zu betrügen zur Vollkommenheit zu bringen?
    Aber wie? Sollte der Fürst, der die Wahrheit liebt, wiewohl auf allen Seiten
mit Larven und Blendwerken umgeben, verzweifeln müssen, jemals ihr
unverfälschtes Antlitz von dem geschminkten Betrug unterscheiden zu können? Das
verhüte der Himmel! Wer die Wahrheit aufrichtig liebt (und was kann ohne sie
liebenswürdig sein?), wer auch als dann sie liebt, wenn sie nicht schmeichelt,
der hat nur geübte Augen vonnöten, um ihre feineren Züge zu unterscheiden,
welche selten so gut nachgemacht werden können, dass die Kunst sich nicht
verraten sollte. Und um diese geübten Augen zu bekommen - ohne welche das beste
Herz uns nur desto gewisser und öfter der arglistigen Verführung in die Hände
liefert -, ist kein
