 gehandelt und
sich so habe behandeln lassen, als ob das Gegenteil aller dieser Wahrheiten wahr
wäre, so gewöhnte sich seine Seele dergestalt an diese Art zu denken, dass ihm
diejenige, welche damals an dem Hofe zu Scheschian herrschte, eben so
widersinnig und ungeheuer vorgekommen wäre, als wenn ihm jemand hätte zumuten
wollen, den Schnee für schwarz anzusehen, oder sich von der Mittagssonne in
einem glühenden Ofen abzukühlen.
    Er war schon achtzehn Jahre alt, eh er noch einen Begriff davon hatte, dass
man anders denken könne, als die Natur und Dschengis ihn denken lehrte; eh er
wusste, was Mangel und Unterdrückung sei, oder sich die mindeste Vorstellung von
einer erkünstelten und auf anderer Elend gebauten Glückseligkeit machen konnte.
Dschengis hatte sein Gedächtnis mit einer Menge von Erzählungen, und mit Liedern
und Sprüchen aus den besten Dichtern in Scheschian angefüllt: aber diese
Erzählungen schilderten lauter unschuldige Sitten; diese Lieder waren lauter
Ergiessungen eines unverdorbenen Herzens, diese Sprüche lauter Gesetze der Natur
und der unverfälschten Vernunft; alles war des goldnen Alters würdig.
    Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht, wo die Natur durch die
Entwicklung des süßesten und mächtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die
letzte Hand an ihr Werk, an den Menschen legt, und indem sie ihn durch das
nämliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Glückseligkeit und der Erhaltung
seiner Gattung macht, ihn auf die überzeugendste Weise belehrt, sie habe sein
besonderes Glück mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt, dass es unmöglich
sei, eines von dem andern abzulösen ohne beide zu zerstören. Die Liebe, - dieser
bewundernswürdige Instinkt, den die Natur zur stärksten Triebfeder der besonderen
und allgemeinen Glückseligkeit der Menschen bestimmt hat, - gesellt sich jetzt
auf einmal gleich einem himmlischen Genius zu ihm, um ihn auf den Weg seiner
irdischen Bestimmung zu leiten, und diesen Weg mit Rosen zu bestreuen. Durch sie
erhält er die ehrwürdigen Namen eines Ehegemahls und Vaters. Sie konzentriert
alle seine sympatetischen Neigungen in der Liebe zu einem Weibe, welches die
Hälfte seines Selbsts wird, und zu Kindern, in denen er dies Selbst verjüngt und
vervielfältiget sieht. Sie wird auf diese Weise die Stifterin der
Familiengesellschaften, welche die Elemente der bürgerlichen sind, und von deren
Beschaffenheit das Wohl eines Staates dergestalt abhängt, dass die Verblendung
der Gesetzgeber, welche für dieses große Institut der Natur weder so viel
Ehrfurcht, als sie ihm schuldig waren, getragen, noch alle die Vorteile, die
davon zu ziehen sind, daraus gezogen haben, unbegreiflich ist.
    Der tugendhafte und weise Dschengis kannte und ehrte die Natur. Mit
Vergnügen sah er dem stufenweisen Fortgange der Neigung zu, welche die Schönheit
und Unschuld einer jungen Schäferin, deren Eltern seine Nachbarn waren, dem
jungen Prinzen eingeflößt hatte. Er besorgte nicht
