 zu
machen hatten als sie selbst, durch Aufopferung der Tugend versetzt sehen, einen
Reiz, den die Vergleichung desselben mit ihrem gegenwärtigen Elend
unwiderstehlich macht. Ist es Wunder, wenn der Anblick einer mit Diamanten
behangenen Lais, die in einem vergoldeten Triumphwagen den Gewinn ihrer Unzucht
zur Schau trägt, tausend junge Dirnen zu Priesterinnen der Venus, oder wenn der
Anblick eines zu den höchsten Würden im Staat empor gestiegenen Kupplers tausend
Kuppler macht? Es ging also sehr natürlich zu, wenn zu Isfandiars Zeiten alle
Arten von Lastern in Scheschian im Schwange gingen; nichts als ein
unaufhörliches Wunderwerk hätte die natürlichen Wirkungen täglich anwachsender
Ursachen hemmen können. Der Übergang von einer Stufe des Lasters zur andern ist
unmerklich; es kostet unendlich mehr Mühe sich zu der kleinsten vorsetzlichen
Übeltat, wenn es die erste ist, zu entschließen, als das Ärgste zu begehen, wenn
man einmal die unglückliche Leichtigkeit, Böses zu tun, erlangt hat. Kommt dann
noch die Ansteckung verdorbener Sitten bei einem ganzen Volke, und das häufige
Schauspiel der unterdrückten Tugend und des siegprangenden Lasters hinzu; sehen
wir den Fürsten und die Großen selbst die Verachtung der Gesetze und der Tugend
durch ihr Beispiel aufmuntern: dann ist wahrhaftig der Fall da, wo es eben so
barbarisch ist Verbrechen zu bestrafen, als es ungerecht wäre, einem Menschen,
den man hinterlistiger Weise trunken gemacht, die Ausschweifungen zur Last zu
legen, die er in der Abwesenheit seiner Vernunft begangen hätte.
    Eblis machte diese Betrachtung nicht. Er sah nur das Übel; die Quelle wollt
er nicht sehen. Aber das Übel erheischte schleunige Mittel. Die geringeren
Verbrechen hatten für die Scheschianer nichts Abschreckendes mehr, denn die
ungeheuersten fingen an alltäglich zu werden. Giftmischerei und Vatermord wurden
so gewöhnlich, dass sich niemand mehr getraute mit seinem Erben unter Einem Dache
zu wohnen. Alle Bande der Gesellschaft waren los; und wie hätten die
bürgerlichen Gesetze einem Volke, welches die Natur selbst zu misshandeln fähig
war, Ehrfurcht einprägen sollen? Keine öffentliche Sicherheit, keine Scheu vor
der Schande mehr! Es war leichter unter der Klasse, welche sich Leute von Ehre
nennen, einen falschen Zeugen oder einen Meuchelmörder, als unter dem Pöbel
einen Tagelöhner zu mieten. Die allgemeine Verderbnis hatte auch die schönere
Hälfte der Nation alles dessen beraubt, was die Schönheit veredelt und sogar den
Mangel derselben vergüten kann. Schamhaftigkeit und Unschuld, die lieblichsten
Grazien dieses Geschlechts, waren den Scheschianerinnen fremde - noch mehr, sie
waren ihnen lächerlich geworden. Es war unmöglich, eine ehrliche Frau von einer
Metze an etwas anderm zu unterscheiden, als an der seltsamen Affektation, womit
diese sich bemühten wie ehrliche Frauen, und jene wie Metzen auszusehen. Mit
einem Buhler davon zu laufen, oder einem Manne, der nicht so
