, was sich, wenn das
Wort Bedürfnis im engsten Sinne genommen wird, entbehren lässt, immer noch zu
reich fand.
    Der Adel in Scheschian war von Alters her ein Mittelstand zwischen dem
Fürsten und dem Volke gewesen. Die Könige hatten die Edelen als ihre geborenen
Räte und Gehülfen in der Verwaltung der besonderen Teile des königlichen Amtes
betrachtet; und wiewohl das Ansehen des Adels unter dem tatarischen Stamme von
Stufe zu Stufe nach eben dem Verhältnisse, wie das königliche stieg, gesunken
war, so besaß er doch wenigstens noch sehr schöne Überbleibsel seiner ehmaligen
Vorzüge.
    In allen Staaten, wo sich ein solcher Mittelstand zwischen dem Fürsten und
dem Volke befindet, hat man zu allen Zeiten wahrgenommen, dass sich der Adel auf
Unkosten des Volkes, und das Volk sich auf Unkosten des Adels zu vergrößern
sucht. Jener, da er wenig Hoffnung hat, seine Rechte auf der Seite des Trones
zu erweitern, sucht sich für seine Ergebenheit gegen denselben durch Anmassungen
über die Rechte des Volkes zu entschädigen. Dieses, da es sich von allen Seiten
gedrängt sieht, und leicht begreift, dass es dem Übergewicht des Trones am
wenigsten widerstehen kann, wendet alles an, sich wenigstens die kleinen
Tyrannen vom Halse zu schaffen, deren Joch desto verhasster ist, je weniger sie
ihre Bedrückungen durch den Vorwand des allgemeinen Besten erträglicher machen
können. Man gibt dem Fürsten williger, weil man weiß, dass die Sorgen für den
ganzen Staat auf seinen Schultern liegen, und weil wenigstens die Vermutung
vorwaltet, dass ein Teil der öffentlichen Abgaben zu Bestreitung der öffentlichen
Bedürfnisse angewandt werde. Aber alles was man denjenigen geben muss, welche,
dem Könige gegen über, eben so demutsvolle Untertanen als die übrigen, in dem
Bezirke hingegen, wo sie zu befehlen haben, kleine Monarchen vorstellen, sieht
man als unbillige Erpressungen an, welche man seinen eigenen Bedürfnissen
abbrechen muss, um den Stolz und die Üppigkeit einer Menschenklasse zu nähren,
die man für sehr entbehrlich hält, weil der Vorteil, den sie dem Ganzen
verschaffen, nicht sogleich in die Sinne fällt.
    Die Könige haben von jeher sich dieser gegenseitigen Gesinnung des Adels und
des Volkes zur Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt gar meisterlich zu bedienen
gewusst. Sie haben das Volk gebraucht den Adel niederzudrücken; und sobald dieser
Zweck erreicht war, dem Adel, dessen Beistand sie gegen den besorglichen Übermut
des Volkes vonnöten zu haben glaubten, die Werkzeuge seiner Unterdrückung Preis
gegeben.
    Da es zu spät war, wurde Volk und Adel gewahr, dass sie sich zu einer sehr
albernen Rolle hatten gebrauchen lassen; dass in einem Staate, wo das Volk im
Besitze großer Vorrechte ist, die Vorzüge des Adels dem Volk eben so heilig sein
sollen, als seine eigenen; und dass jeder von diesen beiden
