
Überfluss und den Wollüsten bekannt zu machen; es würde weniger Gefahr sein einen
schlafenden Löwen, als die Begierlichkeit dieser Leute aufzuwecken. Sie mit
seidenen Banden oder Blumenketten binden zu wollen, wäre eben so viel als eine
Hyäne mit Spinneweben zu fesseln. Nichts als die eiserne Notwendigkeit, und die
Verzweiflung ihre Ketten jemals zerreißen zu können, ist vermögend sie in ihren
Schranken zu halten; und, gleich andern wilden Tieren, müssen sie ausgemergelt
werden und den Stock immer über ihrem Rücken schweben sehen, um einen Gebieter
dulden zu lernen.«
    »Danischmend«, sagte der Sultan, »ich gestehe, die Abschilderung, die uns
Eblis von dem Volke macht, ist nicht geschmeichelt; aber es ist Wahrheit darin.
Ich denke ungern an die Folgen, welche sich daraus ziehen lassen: und gleichwohl
würd es, wie Eblis sagt, gefährlich sein, sich selbst in einer so wichtigen
Sache täuschen zu wollen.«
    »Gnädigster Herr«, versetzte der Philosoph, »ich weiß nicht ob mich meine
Gutherzigkeit verhindert hat, den Menschen, den ich seit mehr als fünfundzwanzig
Jahren studiere, so zu sehen wie er ist. Es mag wohl zu viel Rosenfarbe in
meiner Phantasie herrschen. Aber, wie dem auch sein mag, ich kann mich unmöglich
überwinden, die Menschen für so bösartig anzusehen, als sie in der Theorie
dieses Eblis sind. Wenn die Erfahrung für ihn zu reden scheint, so spricht sie
nicht weniger für mich. Kennen wir nicht kleine Völker, welche im Schoße der
Freiheit und der einfältigen Mäßigung glücklich sind? Vergleichen wir einmal
diese Völker mit denjenigen, welche unter den Bedrückungen der willkürlichen
Gewalt einer harten Regierung schmachten! Der erste Anblick wird uns sogleich
einen starken Unterschied bemerken lassen. Jene zeigen uns ein gesundes,
vergnügtes, fröhliches Ansehen. Ihre Wohnungen sind weder weitläufig noch
prächtig; aber auch die ärmste ihrer Hütten sieht einer Wohnung von Menschen,
nicht einem Schlupfwinkel wilder Tiere gleich. Sie sind schlecht gekleidet; aber
sie sind doch vor Frost und Nässe beschützt. Ihre Nahrung ist eben so einfältig;
aber man sieht ihnen wenigstens des Abends an dass sie zu Mittage gegessen haben.
Diese schleichen, als lebende Bilder des Elends, mit gesenkten Häuptern umher,
und heften aus hohlen Augen gramvolle Blicke auf die Erde, welche sie - nicht
für sich und ihre Kinder - bauen müssen. Überall begegnen unserm beleidigten
Auge blutlose, ausgehungerte und sieche Körper; - schwermütige, düstere, von
Sorgen abgezehrte Gesichter; - alte Leute, welche sich mit Mühe von der Stelle
schleppen, um zur Belohnung einer funfzigjährigen schweren Dienstbarkeit das
wenige Brot, das ihr vom Mangel eingeschrumpfter Magen noch ertragen kann, dem
Mitleiden der Vorübergehenden durch Betteln abzunötigen; - verwahrloste,
nackende, krüppelhafte
