
wissend oder unwissend hintergehen zu lassen gewohnt sind, mehr in seiner Gewalt
als er. Das Einnehmende seiner Person, ein unerschöpflicher, mit der größten
Leichtigkeit in tausend Gestalten sich verwandelnder Witz, und eine natürliche
Beredsamkeit, bei welcher ihm, in gewissen Fällen, seine Begierden die Dienste
der höchsten Begeisterung taten, machten ihn zum angenehmsten und gefährlichsten
Gesellschafter von der Welt. Nichts konnte leichtfertiger sein als seine
Grundsätze in Beziehung auf die Gebieterinnen unsers Herzens; aber unglücklicher
Weise für das ganze Scheschian waren diese Grundsätze ein Teil des allgemeinen
Systems seiner sittlichen Begriffe. Eblis (so nannte sich der Kamfalu), dessen
Herz keine Vermutung hatte, dass es eine höhere Art von Wollust gebe als die
Befriedigung der Sinne und das eigennützige Vergnügen des gegenwärtigen
Augenblicks - Eblis hatte sich ein System gemacht, aus welchem Wahrheit, Tugend,
Zärtlichkeit, Freundschaft, kurz, jedes schönere Gefühl und jede edlere Neigung,
verbannt waren. Alles ist wahr, sagte er, je nachdem wir es ansehen; von unserer
innerlichen Stimmung und von dem Gesichtspunkt, woraus wir sehen, hängt es
lediglich ab, ob uns ein Gegenstand schön oder hässlich, gut oder böse scheinen
soll. Tugend ist eine Übereinkunft der feinern Köpfe, durch einen angenommenen
Schein von Gerechtigkeit, Uneigennützigkeit und Großmut dem großen Haufen
Zutrauen und Ehrfurcht einzuflößen. Sie bedient sich dazu einer gewissen hoch
tönenden Sprache, gewisser edler Formen und schlauer Wendungen, welche sie
unsern Neigungen und Handlungen gibt, um das Ziel unsrer Leidenschaften desto
sicherer zu erhalten, je behutsamer wir es den Augen der Welt zu entziehen
wissen. Müssige oder bezahlte Pedanten haben diese Sprache, diese Formen in einen
wissenschaftlichen Zusammenhang räsoniert. Blöde Köpfe sind einfältig genug
gewesen, diese Zeichen für Sachen anzusehen, und unter diesen leeren Formen
gleichsam einen Körper zu suchen. Narren haben sich zu allen Zeiten vergebens
oder auf Unkosten ihrer Vernunft bemüht, uns die Tugend, von welcher jene
schwatzten, in ihrem Leben zu zeigen. Aber ein dreifacher Tor müsste der sein,
der einen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen, - der den
Augenblick, das Einzige was in seiner Gewalt ist, einem Traume von Zukunft
aufopfern, - oder für andre leben wollte, wenn er sie nötigen kann für ihn da zu
sein! Diese abscheuliche Moral« -
    »Ich besorge, Danischmend, es ist die Moral von zwei Fünfteln meiner Rajas,
Omras und Mollas«, sagte der Sultan.
    »Das verhüte der Himmel«, versetzte Danischmend. »Aber dessen bin ich
versichert, dass es, wenn unser Herz uns nicht, wider Willen unsrer Köpfe, zu
bessern Leuten machte, die Moral aller Erdenbewohner wäre.«
    »Mir deucht«, sprach die schöne Nurmahal, »nichts beweiset besser, wie wahr
