, nach ihrem Gutbefinden anzuziehen oder
nachzulassen.
    Nun lassen Sie uns auf der andern Seite sehen, ob der Schaden, welchen man
von dieser Freiheit zu besorgen hat, so beträchtlich ist, dass er gegen den
Schaden ihrer Unterdrückung in Betrachtung kommen kann; und ob er nicht vielmehr
unter gewissen Bedingungen sich nach und nach ins unendliche vermindern muss?
    Es ist wahr, die Freiheit der Vernunft, des Witzes, der Einbildungskraft,
und dessen was man Laune nennt, kann und wird zuweilen gemissbraucht werden, um
Weisheit und Tugend selbst in ein falsches Licht zu stellen, und vielleicht die
ehrwürdigsten Gegenstände, um unwesentlicher Gebrechen willen, lächerlich zu
machen. Man hat überdies einige Beispiele, dass etwas ungereimt Scheinendes bei
anwachsender Einsicht wahr befunden worden, und also aufgehört hat ungereimt zu
sein.28 Es ist also möglich, dass die Freiheit, welche dem Mutwillen des Witzes
gelassen würde, den Fortgang der Wahrheit selbst aufhalten könnte. Aber alle
diese Übel, so groß man sie auch immer sich einbilden mag, sind zufällig und
selten; der Nachteil, den sie der menschlichen Gesellschaft bringen können, wird
durch tausend entgegen wirkende Ursachen teils verhütet, teils unmerklich
gemacht, und, was das wichtigste ist, er muss, vermöge der Natur der Sache, immer
abnehmen. Der Krieg zwischen Vernunft und Witz, und ihren ewigen Feinden
Unverstand und Dummheit, ist ein Übel wie alle andre Kriege. Er bringt zwar
zufälliger Weise allerlei schädliche Ausbrüche hervor, und es sind immer viele,
die auf diese oder jene Weise darunter leiden: aber er ist ein notwendiges Übel,
welches durch seine Folgen das größte Gut befördert. Jede neue Eroberung, die
von jenen über diese gemacht wird, schwächt den Feind, befestigt die rechtmäßige
Oberherrschaft, und beschleuniget den Anbruch jener glückseligen Zeiten, deren
Unmöglichkeit noch niemand bewiesen hat, und welche (wenn es auch
unwahrscheinlich wäre, dass sie jemals kommen würden) dennoch das große Ziel
aller Freunde der Menschheit sein müssen; der Zeiten, wo Polizei, Religion und
Sitten, Vernunft, Witz und Geschmack einträchtig zusammen wirken werden, die
menschliche Gattung glücklich zu machen.«
    »Danischmend mein Freund« (sagte der Sultan als der Doktor mit seiner Rede
fertig war), »alles was du uns hier gesagt hast, mag sehr gut sein, wenn von
einem Staat in Utopien die Rede ist, den du mit idealischen Menschen nach
Belieben besetzen und regieren kannst, wie es dir gefällt. Aber die Rede ist,
mit Erlaubnis deiner Philosophie, nicht von dem, was der menschlichen
Gesellschaft überhaupt, sondern von dem was diesem oder jenem besonderen Staate
gut ist; und da wirst du vermutlich zugeben, dass sich kein wirklicher Staat, mit
Menschen von Fleisch und Blut besetzt
