 wahr nennen,
über die Natur, den Zweck und die wesentlichen Rechte der politischen
Gesellschaft, und über andre Dinge von dieser Wichtigkeit, welche immer häufiger
angestellt wurden, hatten die Folge, dass vieles, was man für wahr gehalten
hatte, falsch befunden wurde. Und wenn man Gegenständen, die vor einer
aufgeklärten Vernunft keine Gnade finden konnten, noch immer einen Rest von
Ehrerbietung bewies, so war sie derjenigen gleich, womit man ein altes Gemälde
aus den Kinderjahren der Kunst anzusehen pflegt: man schätzt es, nicht weil es
gut, sondern weil es alt ist.
    Es war von den Bonzen nicht zu erwarten, dass sie eine so wichtige
Veränderung mit Gleichgültigkeit ansehen sollten. Auch taten sie ihr
Möglichstes, dem sichtbaren Schaden zu wehren, den die Ausbreitung der Vernunft
und der Menschlichkeit ihnen selbst und ihren Pagoden zufügte. Aber da sie
merkten, dass die letzten Anstrengungen ihrer Kunst nur den Triumph ihrer
Gegnerin zu zieren dienten: so schmiegten sie sich endlich unter ihr Schicksal,
und betrugen sich ungefähr so, wie eine handelnde Nation, welche sich genötigt
sieht, gewisse Zweige von Gewerbe, wiewohl mit augenscheinlichem Verluste, bloß
deswegen fortzuführen, um nicht die Handlung selbst zu verlieren, und der
Hoffnung entsagen zu müssen, durch irgend eine günstige Wendung der Umstände
sich vielleicht dereinst ihres Schadens wieder zu erholen.
    Indessen war eine von den heilsamen Folgen dieser Revolution in dem
Nationalgeiste von Scheschian, dass die Bonzen selbst sich angelegen sein ließ,
an persönlichen Verdiensten wieder zu gewinnen, was sie auf einer andern Seite
verloren hatten.« Danischmend führt hiervon viel Besonderes an, unterlässt aber
gleichwohl nicht, die Anmerkung zu machen: sie hätten bei allem dem nicht recht
verbergen können, dass es ihnen lieber gewesen wäre, der Notwendigkeit so viele
Verdienste zu haben überhoben zu sein. »Sie belauerten«, sagt er, »mit der
scharfsichtigsten Aufmerksamkeit jede Gelegenheit und jedes Mittel, ihren großen
Zweck mit wenigern Unkosten zu befördern; und glücklicher Weise für sie spielte
der leichtsinnige Mutwille, womit einige die Freiheit der damaligen Zeiten zu
missbrauchen anfingen, ihnen Waffen in die Hände, welche sie, unter dem
scheinbarsten Vorwande, gegen ihre unversöhnlichen Feinde, Witz und Vernunft,
gebrauchen konnten.«27
    Danischmend beginnt seine Erzählung von diesem Aufstand der Bonzen gegen die
Usurpation einer tyrannischen Philosophie mit einer allgemeinen Betrachtung,
welche nicht so viel benützt wird als sie es zu verdienen scheint. »Dasjenige«,
sagt er, »was in allen sittlichen Dingen die Grenzen des Schönen und des
Hässlichen, des Guten und des Bösen, des Rechts und des Unrechts bestimmt, ist
eine allzu feine Linie, als dass sie nicht alle Augenblicke von der Unwissenheit
und dem Leichtsinn übersehen, oder von den Leidenschaften übersprungen werden
sollte
