 der Kleinigkeitsgeist haftet, oder mit neu angekommenen französischen
Broschüren, wobei man ihm übelnahm, wenn er nicht darüber in Entzückung geriet,
oder wenn er auch andere Sachen nicht so sehr erhob, als man es haben wollte. O!
wie geizte ich nach jeder Minute, die mir dieser hochachtungswerte Mann
schenkte; wenn er mit dem liebreichsten, meiner Wissbegierde und Empfindsamkeit
angemessnen Tone meine Fragen beantwortete, oder mir vorzügliche Bücher nannte
und mich lehrte, wie ich sie mit Nutzen lesen könne. Mit edler Freimütigkeit
sagte er mir einst: Ob sich schon Fähigkeiten und Wissensbegierde in beinahe
gleichem Grade in meiner Seele zeigten, so wäre ich doch zu keiner Denkerin
geboren; hingegen könnte ich zufrieden sein, dass mich die Natur durch die
glücklichste Anlage, den eigentlichen Endzweck unsers Daseins zu erfüllen, dafür
entschädigt hätte; dieser bestehe eigentlich im Handeln, nicht im Spekulieren;7
und da ich die Lücken, die andre in ihrem moralische - Leben und in dem Gebrauch
ihrer Tage machen, so leicht und fein empfände, so sollte ich meine
Betrachtungen darüber durch edle Handlungen, deren ich so fähig sei, zu zeigen
suchen.8
    Niemals, meine Emilia, war ich glücklicher als zu der Zeit, da dieser
einsichtsvolle Ausspäher der kleinsten Falten des menschlichen Herzens dem
meinigen das Zeugnis edler und tugendhafter Neigungen beilegte. Er verwies mir,
mit der achtsamsten Güte, meine Zaghaftigkeit und Zurückhaltung in Beurteilung
der Werke des Geistes und schrieb mir eine richtige Empfindung zu, welche mich
berechtigte, meine Gedanken so gut als andre zu sagen. Doch bat er mich, weder
im Reden noch im Schreiben einen männlichen Ton zu suchen. Er behauptete, dass es
die Wirkung eines falschen Geschmacks sei, männliche Eigenschaften des Geistes
und Charakters in einem Frauenzimmer vorzüglich zu loben. Wahr sei es, dass wir
überhaupt gleiche Ansprüche, wie die Männer, an alle Tugenden und an alle die
Kenntnisse hätten, welche die Ausübung derselben befördern, den Geist aufklären
oder die Empfindungen und Sitten verschönern; aber dass immer in der Ausübung
davon die Verschiedenheit des Geschlechts bemerkt werden müsse. Die Natur selbst
habe die Anweisung hiezu gegeben, als sie, z. E. in der Leidenschaft der Liebe,
den Mann heftig, die Frau zärtlich gemacht; in Beleidigungen jenen mit Zorn,
diese mit rührenden Tränen bewaffnet; zu Geschäften und Wissenschaften dem
männlichen Geiste Stärke und Tiefsinn, dem weiblichen Geschmeidigkeit und Anmut;
in Unglücksfällen dem Manne Standhaftigkeit und Mut, der Frau Geduld und
Ergebung vorzüglich mitgeteilt; im häuslichen Leben jenem die Sorge für die
Mittel der Familie zu erhalten, und dieser die schickliche Austeilung derselben
aufgetragen habe usw. Auf diese Weise, und wenn ein jeder Teil in seinem
angewiesnen Kreise bliebe, liefen beide in der nämlichen Bahn,
