 sie ist. Daher
war die Wahl meiner Augen immer fein, daher meine Gegenstände immer
abgewechselt. Alle Klassen von Schönheiten haben mir gefrönet; ich wurde ihrer
satt und suchte nun auch die Hässlichkeit zu meiner Sklavin zu machen; nach
dieser mussten mir Talente und Charakter unterwürfig werden. Wieviel Anmerkungen
könnten nicht die Philosophen und Moralisten über die feinen Netze und Schlingen
machen, in denen ich die Tugend oder den Stolz, die Weisheit oder den Kaltsinn,
die Koketterie und selbst die Frömmigkeit der ganzen weiblichen Welt gefangen
habe. Ich dachte schon mit Salomo, dass für mich nichts Neues mehr unter der
Sonne wäre. Aber Amor lachte meiner Eitelkeit. Er führte aus einem elenden
Landwinkel die Tochter eines Obersten herbei, deren Figur, Geist und Charakter
so neu und reizend ist, dass meinen vorigen Unternehmungen die Krone fehlte, wenn
sie mir entwischen sollte. Wachsam muss ich sein; Seimour liebt sie; lässt sich
aber durch Mylord G. leiten, weil diese Rose für den Fürsten bestimmt ist, bei
dem sie einen Prozess für ihren Oheim gewinnen soll. Der Sohn des Grafen F.
bietet sich zur Vermählung mit ihr an, um den Mantel zu machen; wenn sie ihn
aber liebt, so will er die Anschläge des Grafen Löbau und seines Vaters zunichte
machen; der schlechte Pinsel! er soll sie nicht haben. Seimour mit seiner
schwermütigen Zärtlichkeit, die auf den Triumph ihrer Tugend wartet, auch nicht;
und der Fürst - der ist sie nicht wert! Für mich soll sie geblüht haben, das ist
festgesetzt; allem meinem Verstand ist aufgeboten, ihre schwache Seite zu
finden. Empfindlich ist sie; ich hab' es ihren Blicken angesehen, die sie
manchmal auf Seimouren wirft, wenn es gleich ich bin, der mit ihr redet.
Freimütig ist sie auch; dann sie sagte mir, es dünkte sie, dass es meinem Herzen
an Güte fehle. »Halten Sie Mylord Seimour für besser als mich?« fragte ich sie.
Sie errötete und sagte, er wäre es. Damit hat sie mir eine wütende Eifersucht
gegeben, aber zugleich den Weg zu ihrem Herzen gezeigt. Ich bin zu einer
beschwerlichen Verstellung gezwungen, da ich meinen Charakter zu einer Harmonie
mit dem ihrigen stimmen muss. Aber es wird eine Zeit kommen, wo ich sie nach dem
meinigen bilden werde. Dann mit ihr werd' ich diese Mühe nehmen, und gewiss, sie
soll neue Entdeckungen in dem Lande des Vergnügens machen, wenn; ihr
aufgeklärter und feiner Geist alle seine Fähigkeiten dazu anwenden wird. Aber
das Lob ihrer Annehmlichkeiten und Talenten rührt sie nicht; die allgemeinen
Kennzeichen einer eingeflössten Leidenschaft sind ihr auch gleichgültig. Hoheit
des Geistes und Güte der Seele scheinen in einem seltenen Grad in ihr
