 mit
der Empfindung des Gegenwärtigen bei allen Anlässen zusammen. Ein freundliches
Moos und Zweige, die aus der Wurzel eines gestürzten Baums aufgewachsen waren,
machten mich sagen: bin ich nicht wie ein junger Baum, der in seiner vollen
Blüte durch Schläge eines unglücklichen Schicksals seiner Krone und seines
Stammes beraubt wurde? Lange Zeit steht der Überrest traurig und trocken da,
endlich aber sprossen aus der Wurzel neue Zweige hervor, die unter dem Schutz
der Natur wieder stark und hoch genug werden können, in einem gewissen Zeitlauf
wieder wohltätige Schatten um sich zu verbreiten. Mein Ruhm, mein glückliches
Aussehen, meine Stelle in der großen Welt hab' ich verloren; lange betäubte der
Schmerz meine Seele, bis die Zeit meine Empfindlichkeit verringerte, die Wurzeln
meines Lebens, welche mein Schicksal unberührt ließ, neue Kräfte sammelten und
die guten Grundsätze meiner Erziehung frische, obwohl kleine Zweige von
Wohltätigkeit und Nutzen für meine Nebenmenschen emportrieben. Sie sind, wie die
Wurzelzweige meines Ebenbildes bei niedrigem Moos und kleinen Grasarten
aufkeimten, auch unter der geringen Klasse meiner Nebenmenschen entsprossen;
aber es erfreut mich, diese Klasse in der Nahe gesehen zu haben; denn ich habe
manche schöne Blume darunter entdeckt, die dem erhabenen Haupte eines großen
hochgewachsenen Baums unbekannt verblühet; und kann ich nicht zu meinem süßesten
Troste sagen, dass unter dem Schatten meines Umgangs und meiner Sorgen die
freigebige Aussaat der liebreichen Stifterin des Gesindhauses so viele nützliche
Kreaturen erwachsen macht? Und nun ruht das edle Herz meiner geliebten Lady
Summers von großen und kleinen Lebenssorgen ungestört unter der Vereinigten
Bemühung aller meiner Fähigkeiten und meiner Dankbegierde von den mühsamen
Schritten aus, welche das sechzigste Jahr unsers Alters zwischen fliehenden
Freuden und ankommenden Schwächlichkeiten zu machen hat.
                            Madam Leidens an Emilien
Nicht wahr, meine Emilia, es gibt Reiche, die eine Art von Mangel fühlen,
welchen sie durch Häufung aller Arten von Ergötzlichkeiten zu heben suchen, und
dennoch dem Übel nicht abhelfen können, weil sie von niemand unterrichtet
wurden, dass unser Geist und Herz auch ihre Bedürfnisse haben, zu deren
Befriedigung alles Gold von Indien und alle schönen wollüstigen Kostbarkeiten
Frankreichs nichts vermögen, weil die wahren Hilfsmittel dagegen allein in der
Hand eines empfindungsvollen Freundes und in einem lehrreichen und
unterhaltenden Umgang zu finden sind. Wie klein ist die Anzahl glücklicher
Reichen, welche diese Vorteile kennen? Würklich bin ich im Besitze mancher
angenehmen Güter des Lebens, ich fühle den vergnügenden Reiz, welcher darin
liegt, ich genieße die Geschenke des Glücks mit aller Empfindung, welche das
Schicksal für diese Gaben fordern kann; aber es mangelt meinem Herzen der Busen
einer vertrauten Freundin, in den es das Übermaß seiner Empfindungen ausgiessen
könnte. Ich bin beliebt; meine hie und da mit Bescheidenheit erscheinende
Grundsätze ziehen mir Verehrung zu; das Gefühl der
