 in der Idee einer übenden Standhaftigkeit und Großmut schon eine
Stütze des edlen Stolzes gefunden, welche der Schuldlose ergreift, wenn er durch
Bosheit anderer und unvorgesehenes Unglück in dem Genuss seines Vergnügens
gestört wird. Er kann seine Beleidiger mit Herzhaftigkeit ansehen oder seinen
Blick mit ruhiger Verachtung von ihnen wenden. Er sieht sich nicht nach
Freunden, die ihn bedauern, sondern nach Zeugen seines bewundernswürdigen
Betragens um; unter diesen Beschäftigungen seines Geistes stärkt sich seine
Seele und sammelt ihre Kräfte, um den Berg der Ehre und des Wohlergehens auf
einer andern Seite zu ersteigen. Ich aber musste mich durch die Erinnerung meiner
Unvorsichtigkeit in den Schleier der Verborgenheit hüllen, ehe ich mich der
neueren Führung meines Geschickes überließ. Dennoch sehe ich blühende Blumen,
welche die Hoffnung eines guten Erfolgs, zum Besten vieler Nachkommenden, auf
meine nun betretenen Wege ausstreuet; Ruhe und Zufriedenheit lächeln mir zu; die
Tugend, hoffe ich, wird mein Flehen erhören und meine beständige Begleiterin
sein. Das Glück meines Herzens wird größer und edler, da es Anteil an dem
Wohlergehen so vieler anderer nimmt, seine angenehmsten Gewohnheiten und Wünsche
vergisst und sein Leben und seine Talente zum Besten seines Nächsten verwendet.
Aber bei jedem Schritte meines itzigen Lebens vergrößert sich das Glück meiner
genossenen Erziehung, worin mir alles in den richtigen moralischen Gesichtspunkt
gestellt wurde. Nach diesem bildete man meine Empfindungen, währenddem mein
Verstand zu Beobachtungen über verkehrte Begriffe und dadurch eingewurzelte
Gewohnheiten geleitet wurde.
    Wie glücklich ist es für mein Herz, dass mir die Wahrheit: dass vor Gott kein
anderer als der moralische Unterschied unserer Seelen stattfinde, so tief
eingeprägt wurde! Was hätte ich in meinen itzigen Umständen zu leiden, wenn ich
mit den gewöhnlichen Vorurteilen meiner Geburt behaftet wäre! Wie
verehrungswürdig, wie verdienstvoll ist der kluge Gebrauch, den meine geliebte
Eltern von der uns allen angeborenen Eigenliebe bei meiner Erziehung machten!
Wären kostbare Kleider und Putz jemals ein Teil meiner Glückseligkeit gewesen,
wie schmerzhaft wäre mir der Anzug meiner gestreiften Leinwand? Reinlichkeit und
wohlausgesuchte Form meiner Kleider lassen meine ganze Weiblichkeit zufrieden
vom Spiegel gehen; und was bleibt meiner höchsten Einbildung noch zu wünschen
übrig, da ich mich in dieser geringen Kleidung mit Liebe und Ehrfurcht
betrachtet sehe und diese Gesinnungen allein dem Ausdruck meines moralischen
Charakters zu danken habe?
    Ich stehe früh auf, ich lege mich an mein Fenster und sehe, wie getreu die
Natur die Pflichten des ihr aufgelegten ewigen Gesetzes der Nutzbarkeit in allen
Zeiten und Witterungen des Jahres erfüllt. Der Winter nähert sich; die Blumen
sind verschwunden, und auch bei den Strahlen der Sonne hat die Erde kein
glänzendes Ansehen mehr; aber einem empfindsamen Herzen gibt auch das leere Feld
ein Bild des Vergnügens. Hier wuchs Korn, denkt es, und hebt ein dankbares Auge
