
        
                              Sophie von La Roche
                     Geschichte des Fräuleins von Sternheim
  Von einer Freundin derselben aus Original-Papieren und anderen zuverlässigen
                                Quellen gezogen
                               Herausgegeben von
                                 C. M. Wieland
 
                             An D. F. G. R. V.*****
Erschrecken Sie nicht, meine Freundin, anstatt der Handschrift von Ihrer
Sternheim eine gedruckte Kopei zu erhalten, welche Ihnen auf einmal die ganze
Verräterei entdeckt, die ich an Ihnen begangen habe. Die Tat scheint beim ersten
Anblick unverantwortlich. Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein
Werk Ihrer Einbildungskraft und Ihres Herzens an, welches bloß zu Ihrer eigenen
Unterhaltung aufgesetzt worden war. »Ich sende es Ihnen (schreiben Sie mir),
damit Sie mir von meiner Art zu empfinden, von dem Gesichtspunkt, woraus ich mir
angewöhnt habe, die Gegenstände des menschlichen Lebens zu beurteilen, von den
Betrachtungen, welche sich in meiner Seele, wenn sie lebhaft gerührt ist, zu
entwickeln pflegen, Ihre Meinung sagen und mich tadeln, wo Sie finden, dass ich
unrecht habe. Sie wissen, was mich veranlasst hat, einige Nebenstunden, die mir
von der Erfüllung wesentlicher Pflichten übrig blieben, dieser Gemüts-Erholung
zu widmen. Sie wissen, dass die Ideen, die ich in dem Charakter und in den
Handlungen des Fräuleins von Sternheim und ihrer Eltern auszuführen gesucht
habe, immer meine Lieblings-Ideen gewesen sind; und womit beschäftigt man seinen
Geist lieber als mit dem, was man liebt? Ich hatte Stunden, wo diese
Beschäftigung eine Art von Bedürfnis für meine Seele war. So entstund unvermerkt
dieses kleine Werk, welches ich anfing und fortsetzte, ohne zu wissen, ob ich es
würde zum Ende bringen können; und dessen Unvollkommenheit Sie selbst nicht
besser einsehen können, als ich sie fühle. Aber es ist nur für Sie und mich -
und, wenn Sie, wie ich hoffe, die Art zu denken und zu handeln dieser Tochter
meines Geistes guteissen, für unsre Kinder bestimmt. Wenn diese durch ihre
Bekanntschaft mit jener in tugendhaften Gesinnungen, in einer wahren,
allgemeinen, tätigen Güte und Rechtschaffenheit gestärket würden - welche
Wollust für das Herz Ihrer Freundin.« - So schrieben Sie mir, als Sie mir Ihre
Sternheim anvertrauten; - und nun, meine Freundin, lassen Sie uns sehen, ob ich
Ihr Vertrauen beleidigt, ob ich wirklich ein Verbrechen begangen habe, da ich
dem Verlangen nicht widerstehen konnte, allen tugendhaften Müttern, allen
liebenswürdigen jungen Töchtern unsrer Nation ein Geschenke mit einem Werke zu
machen, welches mir geschickt schien, Weisheit und Tugend - die einzigen großen
Vorzüge der Menschheit, die einzigen Quellen einer wahren Glückseligkeit - unter
Ihrem Geschlechte und selbst unter dem meinigen zu befördern.
    Ich habe nichts vonnöten, Ihnen von dem ausgebreiteten Nutzen zu sprechen
